Maschinenbau: In einer ungewöhnlichen Allianz will die IG Metall der Branche aus der Krise helfen Auf der Suche nach dem Dreh
Von Dietmar H. Lamparter
Zwei Tage lang redeten sich Präsidium und Vorstand des Verbands Deutscher Maschinenund Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt die Köpfe heiß. Doch am Ende der Marathonsitzung Anfang vergangener Woche genügte VDMA Präsident Jan Kleinewefers ein Wort zur aktuellen Lagebeschreibung von Deutschlands beschäftigungsstärkstem Industriezweig: „schlecht". Die Vorzeigebranche, die zwei Drittel ihrer Produktion ausführt und Deutschlands Ruf als „Exportweltmeister" begründete, steckt in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit. Nachdem die 34 Sparten der mittelständisch strukturierten Branche bereits 1992 ihre Produktion in Westdeutschland um real sechs Prozent zurückfahren mußten, rechnet der VDMA für 1993 erneut mit einem Minus von acht Prozent. Gab der westdeutsche Maschinenbau 1991 noch annähernd 1 2 Millionen Menschen Lohn und Brot, so dürften es am Ende des Jahres weniger als eine Million sein.
Lange fiel den Vorständen nicht viel mehr ein, als über zu hohe Löhne und Sozialabgaben und die verfehlte Bonner Steuerpolitik zu klagen. Doch offenbar beginnt die Krise jetzt, erstarrte Strukturen innerhalb der Branche selbst aufzubrechen. Bei diesem Prozeß übernehmen die Banken, vor allem aber die IG Metall eine ungewohnt aktive Funktion.
Die neuen Denkansätze zeigen sich am deutlichsten in einer von der weltweiten Investitionsflaute besonders gebeutelten Sparte, dem Werkzeugmaschinenbau. Die rund 370 mittelständischen Unternehmen fuhren zwar 1992 in Westdeutschland mit gut zwölf Milliarden Mark Umsatz lediglich knapp sieben Prozent des Gesamtumsatzes des Maschinenbaus ein, doch die Hersteller von Fräs, Bohr, Schleif- oder Drehmaschinen nehmen eine Schlüsselstellung ein: Es gibt von der Lippenstifthülse bis zur Luxuslimousine praktisch kein Industrieprodukt, an dessen Entstehung sie nicht beteiligt sind. Damit bestimmen die Werkzeugmaschinenbauer die technologische Entwicklung ihrer Kunden entscheidend „Richtig mies" sei die Lage der Betriebe, sagt Berthold Leibinger, Chef des schwäbischen Werkzeugmaschinenbauers Trumpf und VDMA Präsidiumsmitglied. Die Auftragseingänge der ersten vier Monate brachen gegenüber dem Vorjahr um 43 Prozent ein. Wie schon 1992 muß die Branche im laufenden Jahr voraussichtlich einen Produktionsrückgang von achtzehn Prozent verkraften. Noch halten die Deutschen in der Exportstatistik zwar Platz eins vor Japan und den Vereinigten Staaten, doch die weltweite Investitionsflaute hat die durch den Dauerboom zwischen 1984 und 1990 verdeckten Strukturschwächen der Werkzeugmaschinenbauer jetzt gnadenlos offengelegt. Auch drastischer Personalabbau konnte den Sturzflug in die roten Zahlen nicht mehr aufhalten. Da die Maschinenbaubetriebe selbst in guten Jahren im Schnitt maximal 2 5 Prozent Umsatzrendite nach Steuern einfahren konnten (Prognose 1993: unter ein Prozent), sind kaum Finanzpolster vorhanden. Für viele Firmen ist das Ende der Kapitaldecke längst erreicht. Vor wenigen Jahren noch hochgehandelte Unternehmen wie die Maho AG in Pfronten und die Münchner Deckel AG konnten nur dank eines Kapitalschnittes den Konkurs vermeiden. Die Bielefelder Gildemeister AG hat bereits ähnliche Schritte angekündigt. Auf Druck der Banken wird noch in diesem Sommer die Fusion der einstigen Erzrivalen Deckel und Maho perfekt gemacht. Gildemeister wird bereits als Dritter irn Bunde gehandelt. Die Banken könnten den Betrieben allerdings keine Patentlösungen üefern, hat Deutsche BankChef Hilmar Kopper den versammelten VDMAOberen in Frankfurt klargemacht.
Doch der Druck wirkt. Was früher der Eigensinn der Mittelständler verhinderte, wird nun plötzlich zur Zauberformel: Kooperationen beim Vertrieb, Service und im Einkauf sollen die Kosten drücken und die Eroberung der wachstumsträchtigen Märkte in Südostasien befördern. Besonders in Baden Württemberg tut sich viel. Dort sitzt fast die Hälfte der deutschen Werkzeugmaschinenbauer, das „Erschrecken" ist deshalb im einstigen Musterländle besonders groß, glaubt der Stuttgarter IGMetall Bezirksleiter Walter Riester. Von der gleichzeitigen Krise der Automobil, Elektrotechnik- und Maschinenbauindustrie alarmiert, hat die große Koalition unter Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und Wirtschaftsminister Dieter Spöri (SPD) Unternehmer, Banken, Wissenschaft und Gewerkschaften an einen Tisch gebracht. Am weitesten gediehen ist der Dialog zwischen den Werkzeugmaschinenbauern und der IG Metall personifiziert im Branchenvordenker Berthold Leibinger und Gewerkschafter Walter Riester, der künftigen Nummer zwei der Bundes IG Metall. Ausgetüftelt wurde, was sie gemeinsam jenseits der Tarifgespräche für die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie tun können. Die Gewerkschafter durchbrachen das herkömmliche Rollenmuster und spielten Unternehmensberater. Die bislang einmalige Initiative in der deutschen Wirtschaft fand sechs Ansatzpunkte: von der forcierten Entwicklung neuer Produkte unter Nutzung ökologischer Vorteile (Riester: „Wir brauchen qualitatives Wachstum") über die Förderung gemeinsamer Forschungsprojekte wie Software für elektronische Steuerungen bis hin zu strategischen Allianzen. Der Knackpunkt der Gespräche verbirgt sich allerdings unter dem Stichwort „Neue Formen des Zusammenwirkens im Betrieb". Anstatt sich a ngesichts unausgelasteter Kapazitäten mit der „unsinnigen Diskussion über Arbeitszeitverlängerung" zu beschäftigen, sagt Riester, sollen hier durch „intelligente Ansätze" die wirklichen Sparpotentiale erschlossen werden. Flachere Hierarchien (eine Ebene soll wegfallen), Gruppenarbeit und Insellösungen, so glaubt auch Leibinger, würden die Kreativität der Mitarbeiter freisetzen und zugleich die Kosten drücken. Flexible Arbeitszeitngelungen - die jetzt schon mögliche Verlängerung der Arbeitszeit auf vierzig Stunden für bis zu achtzehn Prozent der Belegschaft wird von den meisten Betrieben nicht ausgeschöpft - sollen besser genutzt werden. Daß bei derart flottgemachten Betrieben weniger Arbeitsplätze als zuvor übrigbleiben, ist beiden Seiten klar. Dennoch will die gemischte Truppe schon im Herbst konkrete Umsetzungsvorschläge vorlegen.
Das Duo LeibingerRiester könnte damit zum Schrittmacher für andere Regionen und Branchen werden. Die IG Metall Zentrale in Frankfurt am Main sprang schon auf den Zug auf. Der desigiierte Bundesvorsitzende Klaus Zwickel, der vor wenigen Tagen die Devise ausgegeben hatte, daß „die neuartige Tarifpolitik" in Zukunft „mehr auf n;ue Arbeits- und Leistungsbedingungen als auf habe Lohnzuwächse" setzen werde, versuchte auf euer am Dienstag dieser Woche eigens angesetzten Pressekonferenz, die Schwabeninitiative auf Bundesebene zu liften. Zwickel als Nothelfer: „Den Bundeswirtschaftsminister fordern wir auf, mit uns und der Wekzeugmaschinenbranche in einen industriepolitischen Dialog einzutreten " „So groß war die Gesprächsbereitschaft noch nie", freut sich auch VDMA Präsident Kleinewefers über die neuen Töne aus dem Gewerkschaftslager. Und bei seinen Unternehmerkollegen stellt er ebenfalls positive Nebenwirkungen der Krise fest. In der Hochkonjunktur sei kaum einer dazu gekommen, über Kooperationen oder neue Organisationsformen nachzudenken. In der Flaute sei das ganz anders: „Die Leute müssen nicht nur etwas tun, sondern haben jetzt auch die Zeit dazu "
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



