KLAUS HÄRTUNG Bühne des Verteilungskampfes

BERLIN - Daß mit der Alkoholikertherapie der Alkoholismus bekämpft werde, gehört zu den gesellschaftlich notwendigen (oder unvermeidlichen) Fiktionen wie die Idee, die subventionierten Theater schaffen die Kulturnation. Solche Fiktionen, die einen Erfolg im Bereich allgemeiner Werte verheißen, brauchen wir offenbar. Man kann sie nicht den Theatern vorwerfen. Allerdings zeigt sich, daß die öffentliche Hand nicht mehr über die finanziellen Ressourcen verfügt, nun alle bislang gewohnten Inszenierungen des Allgemeinen auch weiterhin zu pflegen. Jetzt hat der Berliner Senat angesichts eines Milliardendefizits die Schließung des Schiller Theaters beschlossen. Und einen Sturm entfesselt.

Das Theater ist fortan besetzt, es wird demonstriert, Mahnwachen finden statt. Die Nachricht von Lichterketten steht noch aus. Der Senat vertraute bei seinem Sparbeschluß gänzlich unprofessionell - auf die Einigkeit mit dem Urteil der Theaterkritik. Als ob die Theaterkritik auf die Chance verzichten würde, nach jedem Neuinszenierungsflop die Schließung des „größten Sprechtheaters Deutschlands" zu fordern. Nun zeigt sich, daß die Kritik, die die Verwandlung einer Anstalt der Kunst in eine des öffentlichen Dienstes beklagte, das Lebendige entdeckt. Die ausgebliebenen Zuschauer spüren ihre ungebrochene Liebe, und die Solidarität, die jetzt das Schiller Theater erreicht, übersteigt bei weitem dessen Ruf.

Anzeige

Es bekommt mehr Unterstützung als Anerkennung. Während die Theater Ostdeutschlands unter größerer Anerkennung als Unterstützung litten.

Es kann durchaus sein, daß die Todesdrohung künstlerische Impulse freisetzt, die unter den öffentlichen Geldern nicht gedeihen mochten. Die schwungvolle Nacht der Solidarität gehörte jedenfalls zu den glanzvollsten Inszenierungen des Staatstheaters. Der Senat wäre als unfreiwilliger Geburtshelfer doppelt blamiert.

Er hat ein Signal gesetzt, was er wahrscheinlich nicht durchhalten kann. Ein Parlament, das ohnehin mit Trotz und Rachsucht die Exekutive nervt, wird sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, mit der Westberliner Volkswut im Rücken Stärke zu zeigen. Es ist heutzutage unverzeihlich dilettantisch, im blinden Vertrauen auf die politischen Kompromißmechanismen radikale Sparbeschlüsse proklamieren zu wollen. Im Verteilungskampf gilt Parteidisziplin wenig. Daß der Senat nicht erst die Zustimmung des Parlaments abwartete, weckt den Verdacht, er kalkuliere mit seiner eigenen Ohnmacht.

Der Sommer wird vom Kleinkrieg erfüllt sein, und in dem bislang schwach besetzten Theater wird mit großem Erfolg Theaterbesetzung gespielt werden. Der Fanfarenton, der diesen Kampf begleitet, allerdings stimmt ironisch. Plötzlich wird von der „Kulturbrache" Westberlin geredet. CDU Politiker sehen gar die „kulturelle Identität Westberlins" bedroht. Die Identität? Der Ton ist bekannt. Es ist die ostdeutsche Koloratur, die im Westen aufklingt. Drei Jahre lang ging im Osten die Kulturnation unter, jetzt wird sie auch im Westen vom Schicksal ereilt. Die Mauer existiert fort, für den Westberliner. Er wird in der Kulturbrache verdursten, weil ihm natürlich nicht zugemutet werden kann, zehn Minuten weiter mit der S Bahn zu fahren und in Stadtmitte das Deutsche Theater zu besuchen.

Als nach 1989 die DDR implodierte, war es zumindest theoretisch klar, daß im Zerfall des Systems nicht dessen kultureller Überbau bewahrt werden konnte. Gesellschaftliche Systeme können nicht wie ein Küchenquirl auseinandergenommen werden. Welche Härte und Brutalität die Exekution dieses Prinzips mit sich bringen würde, konnte sich jedoch niemand recht vorstellen. Ebenso klar war, daß die Vereinigung auch die öffentlichen Strukturen des Westens verändern würde. Der Beschluß, die Subventionstheatralik des SchillerTheaters zu beenden, gibt einen Vorgeschmack auf die Härte des Kommenden. Der Berliner Senat verdient Anerkennung für die bemerkenswerte Kühle, mit der er seine durchaus schlüssige Maxime der Sparpolitik formulierte:

Service