Onkel Max Goldts gesammelte Kulturtagebücher Das erste Korn: Charme

Leicht haben es die Verlage Max Goldt nie gemacht. Vielmehr haben sie sich stets gegen ihn verschworen - jeder zu seiner Zeit und jeder mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Früher, in den SOern, als Goldt noch für die Musikgruppe Foyer des Arts sang & textete und trotz seiner wunderlichen Poeme und Miniaturen nur einen gewissen Insiderruf genoß, geriet er an den für solche Gewißheiten zuständigen Berliner a verbal Verlag.

Kaum war er dort gelandet, ging es mit dem Verschwören auch schon los. Doch klein, wie der Verlag ist, mußte er sich des einzigen Mittels bedienen, das ihm gegeben war: Er unterließ das gediegene Fadenheften der Bücher und begnügte sich mit dem billigen Zusammenleimen (Lumbekken) derselben. Seit damals ist das Goldtsche Frühwerk unter anderem dafür bekannt, daß es in den Bücherregalen besonders effektvoll und vor allem selbständig auseinanderbricht (vorzugsweise an geruhsamen Nachmittagen, die man lesend auf der Couch verbringt).

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Heute, in den 90ern, da Goldts Zeit als Musiker vorbei ist und er durch seine allmonatlichen Kolumnen für das Frankfurter Satiremagazin Titanic nichts als Begeisterung auslöst, braucht es schon mehr als einen Berliner Kleinverlag samt dessen simplen Buch Soll Bruchstellen, um eine gediegene Verschwörung zuwege zu bringen. Den angesehenen Haffmans Verlag zum Beispiel, der mittels aktiver Verwahrlosung des KolumnenSammelbandes „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau" versucht, seinen Berliner Vorgänger zu übertreffen.

Doch wie verschwört man sich im Falle eines Autors, an dem es nichts zu übersetzen gibt? Und wie läßt sich physische Konsistenz und gediegener Ladenpreis mit dem Vorhaben vereinen? 1 ) Indem der Verlag Goldt in eine „elegante, gebundene, amüsante, wohlfeile, heiße Reihe" (Klappentext) steckt, die den höllischen Titel „Unterhalter" trägt. Ein Begriff, der den Thesaurus jedes PC Textverarbeitungsprogramms zur entlarvenden Assoziation „Gaudibursch" veranlaßt. 2 ) Indem man (a ) den Max Goldt Lektor dazu angehalten hat, extrem sinnstörende Satzfehler wie „Ensemble weiblicher Geschlechtskrankheiten" (statt „Ensemble weiblicher Geschlechtsorgane") zu übersehen; (b ) den ebenfalls verehrungswürdigen Harald Juhnke mehrfach als „Harald Juhncke" (Seiten 44, 46) durchgehen zu lassen; sowie (c ) unzählige weitere Tipp- sowie Trennfehler zu ignorieren (Beispiele entfallen wegen absoluter Fadesse; Leseempfehlung: Seiten 92 136 149 201, 231 273 289).

Eine Strategie, die erbärmlich scheitern muß. Max Goldt ist einfach stärker. Also, Schwamm über das Verlegerdrama, aus Freude über des Autors Kunstfertigkeit, uns die schönsten Einblicke zu gewähren in die Genese seiner Ehe, seine Wien- und Finnlandreisen („Einmal entdeckte ich sogar ein Wort, das zu 50 % aus Ypsilonen bestand: hyppytyyny"), seine Auftritte als Laienschauspieler (was macht „man denn bloß die ganze Zeit mit den Armen?"), seine Freizeitgestaltung („Grand Prix gucken ist ja für Menschen mit einem etwas verschachtelten Kulturverständnis eine Unumgänglichkeit") oder in den Sinn von „ehrlichem maßlosen Alkoholkonsum".

Weitere bleibende Verdienste erwarb sich Onkel Max (wie Goldt sich als rtarac Kolumnist nennt) mit der akribischen Beschreibung all jener Dinge unseres Lebens, die entweder verschwunden sind (60er & 70er Jahre), wenig beachtet oder aufgrund ihrer Omnipräsenz verdrängt werden. Die Ungeliebte Guave gehört ebenso dazu wie sechsteilige Sets vergoldeter Sektquirle, Sitzsäcke, Stricklieselwürste, stumme Fernsehshow Assistentinnen, Mittwoch=Kinotag Änhänger, kaltgewordenes Würstchenheißmachwasser sowie diverse quader- oder telephonartige Kunstwerke im öffentlichen Raum (Leseempfehlung: Ein beigeschlossenes Register bietet einen zwar lückenhaften, aber brauchbaren ersten Einblick in die Themenvielfalt des Bandes).

Doch nicht, um sie zu denunzieren, durchwandert der Kolumnist die Welt der Kläglichkeit, sondern um ihre verquere Poesie, ihren abgründigen Humor, aber auch ihre heimliche Trauer zum Strahlen zu bringen. Dies erreicht Goldt, indem er alle Ironie fahrenläßt und statt dessen das „harte Sechskornbrot des Kolumnisten" predigt - und anschließend auch ißt („das erste Korn: Charme, das zweite ist Herz, das dritte Korn: Lüge, im vierten wohnt Schmerz, das fünfte Korn: Wahrheit, das sechste: Humor"). Im übrigen vertraut er seiner titanischen Assoziationskraft, die aus disparaten Ingredienzen nicht nachzuerzählende Miniaturen schmiedet.

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