Fernseh-Kritik Den Feind sehen
Jeder Mensch ist ein Rassist", sagt Art Spiegelman, der Cartoonist, der sich vor dem Holocaust als Sujet nicht fürchtete. Sein Comic über das KZ heißt „Maus". Die Juden treten nicht zufällig in Gestalt der grauen Nager auf: Die langen Nasen, die man ihnen immer andichtete, erfüllen bei Mäusen das ganze Gesicht, es gibt noch die Knopfaugen, aber keinen Mund und kein Kinn mehr. Die Nazis sind die Katzen; sie sehen menschlicher aus, mit kleinen Nasen und markantem Kiefer, aber sie handeln bestialisch. Ihre Enkel übrigens, die Deutschen von heute, verübeln es Spiegelman, daß er aus dem Holocaust einen Comic macht. Und dann auch noch mit Tierfiguren. Spiegelman zitiert seinen Vater: „Wir wurden wie Tiere gejagt "
Vom alltäglichen Rassismus ist verstärkt die Rede, seit in Deutschland erneut Menschen bedroht und getötet werden, weil sie anders aussehen. Auch insofern trifft Henryk M. Broders Film über die jüdische Nase einen Nerv. Das Bedürfnis, Fremde mit abartigen physiologischen Merkmalen auszustatten, sitzt tief, sagt einer von Broders Experten. „Wir müssen unseren Feind sehen.
1Was bei dunkelhäutigen Mitmenschen leichtfällt, ist bei den Juden vertrackt. Seit ihrer Emanzipation, das heißt, seit sie ihre typischen Gewänder ablegten und ihre Schtetl verließen, um sich zu assimilieren, konnte man sie von Vertretern anderer weißer Völker äußerlich nicht unterscheiden. Der Fremde wurde optisch verwandt und fähig, sich einzuschleichen. Je weniger die Juden auffielen, desto verzweifelter schrieben die Karikatur und das Vorurteil - und später, unter Hitler, die Propaganda - ihnen hervorstechende Merkmale zu. Die Überfremdungsparanoia in den USA dichtet den Schwarzen überdurchschnittlich große Geschlechtsteile an. Die Juden kriegten riesige Nasen verpaßt. Das eine übrigens kann - symbolisch - für das andere einstehen. In Deutschland wird von Leuten, die Türken ablehnen, stets deren hohe Kinderzahl moniert. Es ist sehr einfach und immer dasselbe: Wer fremd ist, hat einen zu großen Rüssel. Wegen seiner Potenz ist er bedrohlich und wert, vernichtet zu werden.
Daß diese tödliche Konsequenz nicht mehr gezogen wird, ist offenbar das einzige, was theoretisch lernbar wäre und per Gesetz erzwingbar ist - der Rassismus, den wir laut Spiegelman alle in uns tragen, lenkt unsere Urangst vor Unbill immer wieder um in Furcht vorm schwarzen, roten, weißen, langnasigen Mann. Wie wahnhaft diese Furcht konstruiert, was sie dann fürchtet, zeigt der Antisemitismus schlagend: die „kaufmännische Nase" im nichtübertragenen Sinn existiert nirgends; die „jüdische Sechsernase" sitzt im Gesicht ausgewiesener Arier, und Juden tragen Stups- und Griechennasen. Es gibt kein „jüdisches Gesicht". Die semitische Nase ist „ein Mythos".
Broders famose Inszenierung dieses Mythos, eine Revue der europäischen antisemitischen Karikatur, steuert ihren ironischen Kommentar zu jener Absurdität namens Fremdenhaß bei, die uns derzeit wieder beschäftigt. Dieser heiter grausige Film zeigt, daß kleine Unterschiede auch dann große Folgen zeitigen, wenn sie gar nicht existieren. Zu Besuch bei dem Pariser Karikaturisten Farid Boudjellal und vertieft in dessen Werk, befindet Broder: „Das ist der Araber. Er sieht ziemlich jüdisch aus. Das ist der Jude. Er könnte ein Araber sein "
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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