Rezension Der Mensch ist beschränkt
Ökonomen betreiben ein merkwürdiges Geschäft:
Sie geben sich die größte Mühe, aus ihren Modellen exakte Schlußfolgerungen zu ziehen - und kümmern sich kaum um das weltfremde Menschenbild, das diesen Modellen oft zugrunde liegt. Dem Nobelpreisträger Herbert A. Simon freilich konnte man diesen Vorwurf noch nie machen. Er hat stets versucht, dem ökonomischen Zerrbild des vollkommen rationalen Menschen ein realistisches Portrait entgegenzustellen. In einer jetzt auf deutsch erschienenen kleinen Schrift faßt er knapp und verständlich viele seiner Ideen zusammen.
Simons Gegenmodell heißt „begrenzte Rationalität": Der Mensch bezieht in seine Entscheidungen keineswegs alle ihm offen stehenden Alternativen ein - das wäre viel zu komplex.
Auch hängen seine Präferenzen von aktuellen Umständen ab, so daß er sich in seinem Wahlverhalten ™ auf Dauer selbst widerspricht. Doch, schreibt Simon, „manchmal ist man hungrig, manchmal müde, manchmal friert man". Mit solchen isolierten Bedürfnissen vermag die menschliche Vernunft, die sich immer nur auf wenige Probleme gleichzeitig konzentrieren kann, fertig zu werden.
Gefühle helfen dabei, die Aufmerksamkeit auf die gegenwärtig wichtigste Frage zu lenken und die anderen zunächst auszusortieren.
Das hat aber mit der vollkommenen Rationalität, die Ökonomen so oft unterstellen, nichts zu tun: Weil er viele verfügbare Informationen außer acht läßt, optimiert der Mensch in Wirklichkeit nichts.
Aber vor allem in Bereichen, in denen er erfahren ist, kann er trotz seiner begrenzten Denkweite pas 1sabel entscheiden - nicht mehr und nicht weniger.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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