Die Fremden im frühmodernen Staat

Auch wenn heute vom „Ende der Geschichte" keine Rede sein kann: Die Bürger der westlichen Industriestaaten sind am Ende der Neuzeit angelangt.

Der Fortschrittstraum wird ihnen zum Alptraum, die Utopie der Befreiung von Ungleichheit und Not zeigt ihre Kehrseite. Dunkle Wolken ziehen auf - Unheil droht: die Überbevölkerung, das Kippen des ökologischen Gleichgewichts, die Eskalation des Nord Süd Gegensatzes. Was können die Bürger tun? Die Regression in individuelle Schonräume, Tröstungen oder Erlösungsrituale verspricht nicht viel Erfolg. Die Gegenwart, so meinen wohl die meisten, kann und soll nicht zertrümmert werden. In die Zukunft zu springen ist unmöglich. Und die Vergangenheit, aus der alles gekommen ist, liegt hinter ihnen, unveränderbar. In dieser Vergangenheit stecken die Zeitgenossen, wie Beckettsche Figuren, mit halbem Leibe fest. Sie finden sich in einem unüberschaubaren Netzwerk von Abhängigkeiten und Kontrollen. Von Geburt an werden sie von Erziehungs, Sicherungs- und Repressionssystemen begleitet. Was sie atmen, essen, trinken und ausscheiden, was sie kaufen oder wegwerfen, wird zugeteilt, erfaßt oder „entsorgt". Sie sind - jedenfalls im statistischen Durchschnitt - pünktlich bei der Arbeit, sie beachten die Verkehrsregeln, sind auch im privaten Bereich „wohlerzogen" und leisten keinen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Sie „kennen ihre Grenzen", wie eine interessante Redewendung sagt. Für sie ist selbstverständlich, daß es zwischen den Staaten gesicherte Grenzen gibt. Nationalstaaten definieren ihre Fläche herkömmlich durch Grenzen und Grenzbeamte. An Ausweis, Paß und Visum haben wir uns gewöhnt; daß es Inländer und Ausländer gibt, halten wir für naturgegeben. Wenn das Fernsehen zeigt, wie illegale Zuwanderer an den Grenzen abgefangen und zurückgewiesen werden, reagieren wir hierauf verschieden, je nach politischer Ansicht, aber die juristische Codierung des Sachverhalts durch „Staatsbürgerschaft", „Grenze", „InlandAusland" verwundert uns eigentlich nicht.

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Das Regelwerk des modernen Staates ist so tief in uns eingedrungen, daß nur noch Künstler und „weltfremde" Wissenschaftler die Distanz aufzubringen scheinen, die nötig ist, um über diese in der Neuzeit entstandenen Verstrickungen zu staunen und sie aus einer Außenperspektive zu analysieren. Aus diesem Staunen entstehen die Fragen: Wie und wann sind wir die heutigen „disziplinierten" Menschen geworden? Hat sich die sogenannte zivilisierte Menschheit selbst in dieses und warum gerade in dieses Korsett geschnürt? Walteten hier evolutionäre Zwänge, oder hätte es „bei gutem Willen" auch anders verlaufen können? Am Ende steht dann die nicht mehr sinnvoll beantwortbare, aber deshalb nicht unsinnige Frage, ob nicht alles ein Irrweg war, ob nicht die gigantischen Anstrengungen der frühneuzeitlichen Staaten, ihre Untertanen zu disziplinieren, gehorsam und fleißig zu machen, sie mit Pässen, Sozialversicherungsausweisen, Personalnummern und Postleitzahlen auszustatten, oder die Mühen, Grenzzäune, Schlagbäume und Schilderhäuser aufzurichten und die rund um die Uhr von Grenzbeamten bewachen zu lassen, nutzlose und schädliche Energieverschwendung waren. Denkbar wäre freilich auch, daß jenes Korsett als lästiges Beiprodukt kollektiver Überwindung von Hunger und Kälte, Krankheit, Mangel und Gewalt in Kauf genommen werden mußte, weil eben Problembewältigung ohne Disziplin nicht zu haben war.

Man kann das hinter diesen Fragen steckende Forschungsinteresse auch konkreter formulieren. Es zielt auf die Frage, wie und wem es im Entstehungsprozeß des modernen Staates der Neuzeit gelungen ist, das Triebleben zu konditionieren und die Sitten zu verfeinern (Norbert Elias), kurzum die „Sozialdisziplinierung" (Gerhard Oestreich) voranzutreiben. Die Voraussetzungen und Erscheinungsformen sind bekannt: die Bevölkerungsvermehrung der Neuzeit, der Übergang von der Agrar- zur Kapitalwirtschaft, die Veränderung der Kriegstechnik, die allmähliche Verwandlung der mittelalterlichen Stadt- und Landbevölkerung in administrativ beherrschbare „Untertanen", der Aufbau von Verwaltungen und der Übergang von der Eigenfinanzierung des Herrschaftsapparates zur Staatsfinanzierung durch Steuern. Durchgesetzt wird dies durch weitgefächerte Maßnahmen der „Policey", durch Kirchenzucht und Berufsbeamtentum, militärische „Uniformierung" und Drill, Zucht- und Arbeitshäuser, Statistik und ständige Kontrollen, aber auch Berufsreglements, Bauvorschriften und vieles andere.

Alle diese Erscheinungen haben gewisse Vorläufer im Hochmittelalter, es zeigt sich aber beim Übergang in die eigentliche Neuzeit ein Entwicklungssprung. Vom 16 bis zum 18. Jahrhundert entsteht der moderne Beamten- und Anstaltsstaat, der Staat als unermüdlicher Gesetzgeber und Kontrolleur. Er setzt sein Gewaltmonopol durch, uniformiert sein Heer, vereinheitlicht die Gesetze, alphabetisiert und erzieht seine Untertanen. Dieser Staat grenzt sich ab gegen seine Feinde, nach außen und innen. Die Verteidigungsaufgabe zwingt zur Solidarität nach außen, schweißt aber auch nach innen zusammen.. Ihr sollet auch zumal an den Gränzen gegen den Feinden ihren Einzug mit Gräben aufwerfen, Gehäger und Schranken machen sagt das bayerische Landgebot über die Maßregeln im Kriege von 1504. Der Anspruch des im neuen Geist auftretenden Staates auf die Herrschaft über Land und Leute schafft Grenzen nach außen und ermöglicht die Eigendefinition als souveräne (höchste, dauerhafte und unteilbare) Gewalt. Dieser Herrschaftsanspruch nötigt zur territorialen und personalen Grenzziehung. Das polnische Lehnwort „granizzaYGräntzeGrentze verdrängt seit und mit Luther die älteren Worte „marca", „land", „gegend", „umkreis", „kirchspiel", „gericht", „gebiet". Seither gibt es Grenzmarken, Grenzpfähle, ja das Wort „Grentz Beamte" (Hannover 1710).

Von nun an sind Untertanen und Fremde klar zu unterscheiden und können unter verschiedene Rechtsregeln gestellt werden. Vom 16. Jahrhundert an reden die Rechtsquellen von „Frembden und Einkömelingen", von „Außlendischen" und von „frembden landen". Das Ausland heißt „Eilend", „das elend bauen" oder „im elend hausen" bedeutet im Exil (= extra solum) oder „exterritorial" sein. Die Sprache und mit ihr das allgemeine Bewußtsein verschieben sich. Je schärfer die Ausgrenzungen werden, desto elender ist die Bewußtseinslage der Fremden, desto drohender die Gebärde derer, die „drinnen" sind.

Aber auch die da drinnen entgehen dem Zugriff des frühmodernen Staates nicht „Zucht" und „Ordnung" sind die unermüdlich propagierten Ziele. Seit dem späten 15. Jahrhundert ergießt sich ein Strom von sogenannten Polizeiordnungen über die Untertanen. Die obrigkeitliche „Policey" der frühen. Neuzeit ist aktive Sozialgestaltung; ihr Medium ist Gebot und Verbot, arrangiert in „Ordnungen". Der wohlgeordnete Polizeistaat, in dem ohne den fürstlichen Willen kein Sperling vom Dache fällt, ist das - allerdings nirgends vollständig erreichte - Ziel.

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