Die "Freude des Bieres"
Jörn Wellniak schämt sich „Ich habe Stoiber die Hand gegeben", klagt der AStA Sprecher der Technischen Universität München „Wie konntest du so tief sinken?" fragen seine AStAKollegen spöttisch.
Ganz einfach: Die TU München feierte in der vergangenen Woche ihr 125jähriges Jubiläum. Und weil der Freistaat Bayern die Gelder für die Universitätsbibliothek soeben ganz heftig gekürzt hat, postierten die Studenten vor dem Audimax. Doch die Beziehungen zwischen Unileitung und Studentenvertretung sind nicht schlecht, deshalb war die Aktion vorher abgesprochen. Auch die prominenten Gäste waren vorgewarnt, und die zeigten sich huldvoll.
Der bayerische Ministerpräsident Stoiber und sein Kultusminister Zehetmaier überreichten dem verdutzten Wellniak einen Gutschein über 125 000 Mark. Der wollte eigentlich erklären, daß es eine Frechheit sei, wenn dieselben, die den Unis das Geld wegnehmen, nun mit großer Geste einen Bruchteil davon zurückerstatten. Doch Stoiber hielt nur lächelnd die Hand hin, und Wellniak schlug ein.
Studentenvertreter sind links. So will es das Klischee seit anno 68. Aber stimmt es noch? Geistern die Studenten heute nicht viel öfter als Karikaturen durch die Köpfe der Öffentlichkeit - als angepaßter Karrierist Marke Betriebswirt, als humorlose Soziologiestudentin, als linkischer Informatiker und eben auch als kleiner Möchtegern Revoluzzer vom AStA?
Manchmal stimmen die Klischees von früher dann doch noch - wenigstens auf den ersten Blick. Niemand käme auf die Idee, die Studentenvertreter der Ludwig Maximilians Universität (LMU), Münchens anderer Alma mater, nach ihrer politischen Orientierung zu fragen. Hier ist links noch links, und Stoiber wäre mit faulen Tomaten beworfen worden. Die studentische Satzung der LMU bekennt sich zu Antisexismus, Antirassismus und Antifaschismus, während die TU Satzung nur die Arbeitsweise der verschiedenen Gremien festschreibt. Ist in Papieren der LMU Studentenvertretung von „Studentinnen" die Rede, haben sich die TUler diplomatisch auf „Studierende" geeinigt. Gelten die TU Studentenvertreter an der Nachbaruni oft als brave „Geschaftlhuber", zeigen sich diese von den an der LMU nicht seltenen Fehden zwischen AStA Vorstand und Frauenreferat, zwischen Jusos und Sozialistischer Arbeitergruppe verwirrt. Daß an der TU zwar der unionsnahe Ring Christlich Demokratischer Studenten keinen Fuß in die Tür bekommt, dafür aber der eine oder andere Fachschaftier heimlich in der CSU oder der Jungen Union ist, ist fast kein Geheimnis.
An den Gegensätzen sollt ihr sie erkennen. Statistisch gesehen sind die Studenten der TU München politische Aktivisten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an der Ludwig Maximilians Universität Über 37 Prozent der TU Studenten wählten im vergangenen Sommer ihre Vertreter in die universitären Gremien. An der Ludwig Maximilians Universität waren es nur 14 3 Prozent. Aber an beiden Unis gibt es bei den Gremienwahlen seit Jahren immer denselben Sieger: Die Liste für Fachschaften und AStA (Litfas) an der TU, die Liste für AStA und Fachschaften (LAF) an der LMU. Die Namen der Schwesterlisten zeugen von dem kleinen, aber feinen Unterschied zwischen den Studentenvertretern von TU und LMU. An der TU stehen die Fachschaften an erster Stelle nicht nur im Namen der Liste. Ihre Arbeit - am sichtbarsten sind die Betreuung der Erstsemester, der Skriptenverkauf und das TUnix Festival überzeugt die Ingenieure in spe vom Sinn einer funktionierenden Vertretung. Dagegen ist es an der LMU nur wenigen der 45 Fachschaften gelungen, ein befriedigendes Serviceangebot zu organisieren. Vieles existiert sowieso nur auf dem Papier. Zur großangekündigten Diskussionsveranstaltung „Uni: Gute Nacht" kamen nur knapp hundert Studenten - von 65 000.
Solche frustrierenden Erfahrungen machen Wellniak und seine Kollegen an der TU selten. Kommen einmal zuwenig Studenten auf eine Vollversammlung, dann setzen die Veranstalter eben eine neue an und stellen zur Strafe den Skriptenverkauf ein. Wellniak betont, daß die TU Studentenvertreter sich strikt an die Vorgaben halten, die die Studenten ihnen geben. Dirk Joußen vom LMU AStA hingegen glaubt, auf diese Weise nicht zu „vernünftigen Beschlüssen" kommen zu können.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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