Von Olaf Krohn

Wenn Häuptling Joe Mathias seinen Stamm heutzutage auf den Kriegspfad führt, geht es gesittet zu. Im ausgehenden 20. Jahrhundert hat sich die indianische Telekommunikation der Rauchzeichen auf das Mobiltelephon verlagert, das Joe Mathias ebenso routiniert zu gebrauchen versteht wie die Waffen des Rechtsstaats.

„Ich habe zwei Jahre Jura studiert“, erzählt der Häuptling der Squamish, „genug, um das Gesetz zu kennen.“ In den Auseinandersetzungen mit den Indianern fürchten die Bleichgesichter nicht mehr um ihren Skalp, sondern um ihre Immobilien. Vor kanadischen Gerichten streiten die Squamish und der Nachbarstamm, die Musqueam, um die Rückgabe des Landes, von dem europäische Einwanderer sie im letzten Jahrhundert ohne Kampf verdrängten.

Verträge gibt es keine, weshalb der weißen Landnahme im letzten Jahrhundert der Ruch eines gigantischen Diebstahls anhaftet. Richter drücken sich da diplomatischer aus, im Prinzip aber wird die Streitfrage, wem Vancouver denn eigentlich gehört, immer häufiger zugunsten der Indianer beantwortet.

Joe Mathias und seine 6000 Leute haben nämlich das Glück oder das Pech, daß sich auf ihrem ehemaligen Territorium eine funkelnde Millionenstadt breitgemacht hat, die von Weltenbummlern als eine der schönsten Städte auf dem Globus geschätzt, vom örtlichen Tourismusbüro als „World Class City“ verkauft und vom Parlamentsabgeordneten der Stadt, Bob Wenman, „als letzte Oase unter den Millionenstädten der Welt“ bejubelt wird.

Die Aufschneiderei ist nicht einmal gelogen. Vancouvers 1,6 Millionen Einwohner erfreuen sich in der Tat eines fabelhaften Ambientes: Am nördlichen Stadtrand markiert eine 1500 Meter hohe Bergkette die Grenze zur kanadischen wilderness, in der sich Bär und Elch gute Nacht sagen, und im Westen sorgt der Pazifik mit Inseln, Fjorden und Stränden für einen riesigen „Outdoor-Spielplatz“.

Die Makler und Banker in den Downtown-Wolkenkratzern sind um ihren Feierabend zu beneiden. Den English Bay Beach, wo man sich zum Sonnenuntergang trifft, oder den „Royal Vancouver Yacht Club“ am Coal Harbour, wo die Upperclass ihre Boote in hellblauen Garagen parkt, können sie bequem zu Fuß erreichen. Bis zur nächsten Skipiste auf dem Hausberg Grouse Mountain sind es ganze zehn Kilometer. Unter Flutlicht wedelt man dort oben bis kurz vor Mitternacht mit dem prickelnden Ausblick auf eine nächtlich glitzernde Metropole.

Mit seinen maritimen und montanen Segnungen und einem ganz unkanadisch milden Klima scheint Vancouver wie geschaffen für die hedonistische Freizeitgesellschaft und ist folgerichtig schon seit Jahren Endstation Sehnsucht erstens für Kanadier, die am langen Winter oder auch am spürbaren Ernst des Lebens in Toronto oder Montreal leiden, und zweitens für wohlhabende Chinesen aus Hongkong, die in Vancouver Firmen, Familien und Vermögen vor dem Zugriff der Volksrepublik China im Jahr 1997 bewahren wollen. Täglich treffen 200 Neuankömmlinge mit dem Möbelwagen in Vancouver ein, 70 000 im Jahr.

Jeder scheint in Vancouver Englisch mit einem anderen Akzent zu sprechen. Der Taxifahrer aus dem indischen Punjab radebrecht, die chinesische Marktverkäuferin, und es radebrecht der Künstler aus Prag, der auf Granville Island Tonskulpturen fertigt, ebenso wie der Bäcker aus Fulda, der nahe dem beliebten Kitsilano Beach, dem zweiten citynahen Yuppie-Spielplatz, Vollkornbrot und Schwarzwälder Kirschtorte anbietet.

Häuptling Joe Mathias aber, das demokratisch gewählte Oberhaupt der Squamish-Indianer, spricht von den Sorgen der Großstadt-Indianer in lupenreinem Schulbuch-Englisch: „Wir haben in unserem Reservat vierzig Prozent Arbeitslosigkeit und das Problem, daß viele unserer jungen Männer den Verlockungen der Metropole erliegen.“

Vancouvers traurige Downtown Eastside entlang der Hastings Street vermittelt den Eindruck kultureller Entwurzelung und sozialer Verwüstung, mit der sich die first nations überall auf dem Kontinent heute konfrontiert sehen: Alkohol- und drogenabhängige Indianer, in der Diktion des Häuptlings „eine große Zahl verlorener Seelen“, bevölkern die Bürgersteige, Bars und Absteigen an der sogenannten Skid Road, um die Jahrhundertwende das kommerzielle Herz der Stadt, heute aber eines der ärmsten Viertel Kanadas.

Die Gegenwart dieser „verlorenen Seelen“ im Straßenbild ist zumeist der erste Eindruck, den der ortsunkundige Tourist von Vancouvers Indianern gewinnt. Daß die Mehrheit der 30 000 Metropolen-Indianer in beinahe bürgerlichen Verhältnissen lebt, fällt kaum auf. Selbst den Einheimischen bereitet es Probleme, die drei Urbanen Reservate der Squamish, Musqueam und Burrard zu lokalisieren. Joe Mathias weiß von Touristen zu berichten, die höchste Überraschung darüber äußern, daß hier überhaupt Indianer leben – wie ihre Vorfahren, deren Anwesenheit an der Mündung des Fraser River seit mindestens 9000 Jahren archäologisch belegt ist.

Als erster Europäer ließ sich der englische Kapitän George Vancouver erst 1792 am Burrard Inlet blicken. Ohne überhaupt von Bord zu gehen, erklärte der Entdecker Sie ganze Gegend zu britischem Besitz. Es dauerte weitere fünfzig Jahre, bis Europäer den natürlichen Reichtum der Gegend auszubeuten begannen: Holz, Lachs, Biberfelle und – ein paar hundert Meilen flußaufwärts am Fraser River – Gold.

Materielle Not müssen die drei städtischen Stämme nicht leiden. Einkaufszentren, Yachthäfen und Golfplätze auf Reservatsgebiet bringen ihnen beträchtliche Pachteinnahmen. Wenn die Gerichte weitere Landansprüche bestätigen – den Squamish und Musqueam gilt etwa der vierhundert Hektar große grandiose Stanley-Park auf einer Halbinsel westlich der City seit Jahrtausenden als Heiligtum –, werden die Einnahmen weiter steigen.

Der Park wird aber auch längst von den nichtindianischen Bürgern der Stadt zwar nicht als spirituelles, aber immerhin als irdisches Heiligtum verehrt. Die zehn Kilometer lange Uferpromenade, auf der kürzlich auch US-Präsident Bill Clinton joggte, versorgt Wanderer, Mountainbiker und Dauerläufer mit allen Aspekten jenes Panoramas, das nicht nur die Vancouverites an ihrer Stadt so lieben: schneebedeckte Berge, gewaltige Bäume, ein stiller Ozean, der größte Hafen des Landes und eine glitzernde Downtown-Skyline. Im Stanley-Park ist zu beobachten, wie das allgemeine Desinteresse für die real existierenden Ureinwohner der Gegend in schiere Begeisterung umschlägt, sobald es um deren kulturelle Hinterlassenschaft geht. Kaum eine andere Attraktion Vancouvers wird häufiger photographiert als das Ensemble der acht Totempfähle am Brockton Point.

Das hektische Treiben rund um die Pfähle, die laufenden Motoren der Rundfahrtbusse und das Klicken der Kameras verhindern jegliche kontemplative Stimmung. Hier interessiert es niemanden, daß die Schnitzkunst der Indianer wie auch ihre Sprachen, Tänze und Lieder in den fünfziger und sechziger Jahren als Konsequenz der völlig gescheiterten Umerziehung durch die Weißen fast in Vergessenheit geraten waren. Häuptling Joe Mathias und seine Leute versuchen heute, die Scherben ihrer Kultur wieder zusammenzufügen.

Den meisten Touristen genügen ein kurzer Blick auf die in den Schnitzereien dargestellten Figuren – auf Adler, Biber, Bär, Frosch und Killerwal – und der unvermeidliche Schnappschuß. Tieferes Verständnis in die Mythenwelt vermittelt das anthropologische Museum auf dem Campus der University of British Columbia (UBC). Einige der hier ausgestellten Pfähle stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und sind vor den ersten Kontakten mit europäischen Pelzhändlern und Goldsuchern entstanden.

Das berühmte Dach über diesem Museum – Vancouvers prominenter Architekt Arthur Erickson verwendete Elemente eines traditionellen Langhauses – bewahrt die hölzernen Kunstwerke vor der Verwitterung. Auf einem Steilufer hoch über dem Pazifik thronend, wird die sich nach Westen weitende Halle des Museums mit ihrer 25 Meter hohen Fensterfront an sonnigen Nachmittagen in dramatisches Licht getaucht.

Aber es scheint nicht nur die Sonne über Vancouver. Als vordringliches Imageproblem der Stadt gilt der Regen. Um sich zu vergegenwärtigen, daß Kanada ein von Schnee, Eis und Kälte besonders heimgesuchtes Land ist, muß man sich in das Pacific Coliseum begeben, wo die Eishockeystars der Vancouver Canucks mit ihrer „Russian rocket“ Pavel Bure spielen – auf Kunsteis. Vancouvers Winter findet im Saale oder auf den Bergen statt, derweil unten in der Stadt pazifische Tiefdrucksysteme für den „flüssigen Sonnenschein“ sorgen, wie Einheimische ihren ergiebigen Winterregen beinahe zärtlich nennen.

Boris Jelzin, zusammen mit Bill Clinton im April einer der jährlich sechs Millionen Besucher Vancouvers, war noch keine zehn Minuten in der Stadt, da wurde er auch schon geduscht. Nein, es war kein Anblick, wie ihn sich Fremdenverkehrsstrategen wünschen: ein russischer Präsident, der im strömenden kanadischen Regen seine Nationalhymne über sich ergehen ließ, und kein Schirm weit und breit. Die Fernsehkameras hielten mitleidlos auf den pudelnassen Mann aus Moskau.

Die städtische Tourismuszentrale hatte mit spitzem Bleistift errechnet, daß die globale Berichterstattung vom russisch-amerikanischen Gipfel Vancouver eine Werbekampagne im Wert von siebzig Millionen Mark verschaffte – und das fast gratis. Zum Glück hatten die vorhergesagten pazifischen Tiefdrucksysteme bald ein Einsehen und ließen wenigstens den kurz darauf eintreffenden US-Präsidenten trocken. Daß Clinton abschließend zu Protokoll gab, die Schönheit Vancouvers habe seine Gespräche mit Jelzin inspiriert, versöhnte die örtlichen Tourismusmanager sichtlich.

Präsidiale Komplimente stärken Image und Selbstwertgefühl einer Stadt, die erst 1886 mit der Vollendung der transkanadischen Eisenbahn auf der Landkarte vermerkt wurde und demzufolge unter den Metropolen der Welt mit einigem Recht als Parvenü gilt, eine frühreife Schönheit, die in Ermangelung eigener Geschichte von ihrer aufregenden Gegenwart und einer noch verheißungsvolleren Zukunft selbst ganz berauscht ist.

Die Vancouverites blicken nicht mehr nach Osten, wie sie es in den Gründerjahren gewohnheitsmäßig taten. Sie spüren, daß ihr Wohlergehen weniger von den Kontakten nach London oder den konkurrierenden kanadischen Metropolen Toronto, Montreal oder Calgary beeinflußt wird, sondern von den faszinierenden Wachstumsraten jenseits von Ozean und Datumsgrenze im asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum.

Investoren stehen Schlange, um sich in Downtown ihren Teil zu sichern. Gebaut wird, was gefällt: Der durchschnittliche Tycoon aus Taipeh, Tokio oder Hongkong hat eben an einem neuen postmodernen Wolkenkratzer viel mehr Freude als an einem alten viktorianischen Kontorgebäude. Die Betonmischer verkehren hier öfter als die Linienbusse, und auch die nostalgisch veranlagten Einwohner haben zähneknirschend einge-

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sehen, daß dies offenbar der Preis dafür ist, einer boomenden Region anzugehören.

Neben all den verspiegelten Bank- und Hoteltürmen sind der Stadt aber immerhin zwei Wahrzeichen ihrer kurzen Geschichte geblieben: das Marine Building, ein Wolkenkratzer im Art-déco-Stil mit einem grandios ausgestatteten Foyer, und das „Hotel Vancouver“, ein Exemplar jener kolossalen Eisenbahnhotels, die als bedeutsamster Beitrag Kanadas zur Architektur des 20. Jahrhunderts gelten. Der englische König George VI. weihte 1939 das Hotel ein, das bis heute seinen Platz als graue Eminenz in der Skyline und im gesellschaftlichen Leben Vancouvers verteidigt.

Das gesellschaftliche Leben aber wandelt sich. Schmerzlich nehmen die britischstämmigen Bürger Vancouvers zur Kenntnis, daß sie nicht länger im abgelegenen, aber herrlich beschaulichen Außenposten eines Empires leben, eher schon im global village, einem Weltdorf, in dem die Rassen und Klassen bislang recht friedlich miteinander ausgekommen sind.

Am Steuer deutscher Luxusautos, die aufreizend langsam die Boutiquen- und Flaniermeile Robson Street hinauf und hinab rollen, sitzen vor allem Kanadier asiatischer Abstammung. Und selbst im viktorianischen Orpheum, der prachtvollen Heimstatt des Symphonieorchesters, gingen schon vor 3000 Zuschauern chinesische Karaoke-Wettbewerbe über die Bühne.

Knapp fünfzehn Prozent der Bevölkerung sind chinesischer Abstammung. Die ersten Einwanderer aus Fernost kamen schon kurz nach den Weißen – als billige und risikobereite Arbeiter im Eisenbahnbau. Bereits damals entstand an der Kreuzung der Pender Street mit der Main Street ein Chinesenghetto, in das die asiatischen Arbeiter eher zwangsweise als freiwillig gingen. Erst 1947 wurde ihnen die kanadische Staatsbürgerschaft zugestanden. Heute ist das Fremdarbeiterghetto von einst kaum noch wiederzuerkennen. Längst gilt Chinatown als Touristenattraktion. Wem die Einwanderungswelle aus Asien nicht paßt, trägt seine Ablehnung mit der Wortschöpfung „Hongcouver“ auf dem T-Shirt spazieren. Zumindest in der veröffentlichten Meinung jedoch gilt dieses Gehabe als rassismusverdächtig und keineswegs politically correct.

Im übrigen hat Vancouver schon andere Ströme von Neuankömmlingen absorbiert. Ende der sechziger Jahre machten Hippies den Stadtteil Kitsilano entlang der 4. Avenue zu einem Klein-San Francisco. Die Stadt zog überdies Tausende junger US-Amerikaner an, die mit dem Grenzübertritt ihrem Kriegsdienst in Vietnam zu entgehen versuchten. Die Stimmung war blumig, aufgeheizt und antiamerikanisch. Im Sommer 1971 führte sie dazu, daß ein altersschwacher Fischkutter gen Alaska entsandt wurde, weil das Pentagon dort einen Atombombenversuch plante. Als das Schiff Wochen später zurückkehrte, hatte man auch einen Namen für das Unternehmen gefunden: Greenpeace.

Mit an Bord war Rod Marining, ein politischer Aktivist, der kurze Zeit später half, mit einem einjährigen Zeltlager die Umwandlung eines Innenstadtparks in einen Wolkenkratzerkomplex zu verhindern. Der 43 Jahre alte Marining – ein glühender Verehrer von Petra Kelly und der Metaphysik sehr aufgeschlossen – spekuliert, daß der Geburtsort der Greenpeace-Bewegung künftig noch eine wichtige Rolle spielen wird: „Dies ist eine funkelnagelneue, keine gebrauchte Stadt. Hier treffen sich drei kulturelle Wellen: die europäische, die fernöstliche und die indianische, die das Lebensblut des Planeten ist. Darum wird Vancouver eines Tages das spirituelle Zentrum der Welt werden.“