Caetano Veloso, Avantgardist der brasilianischen „Müsica populär", auf Deutschland-Tournee Ein Poet in den Straßen
Von Martin Merz
Die Lieder von Caetano Veloso werden von den Rundfunkstationen bis in die letzten Winkel Brasiliens verbreitet. Menschen singen sie nach, zu allem, worauf sich ein Rhythmus schlagen läßt. Caetano - eine allen vertraute Person verliert ihren Nachnamen , Caetano ist Brasilien, so ungefähr wie Zuckerhut, Karneval und Amazonas. Aber er prägt kein Klischee. Denn Caetano ragt über Brasilien hinaus, holt Klänge von außen herein und verändert damit stetig sein Land. Den Nachsängern, denen die Lieder durchs Herz ziehen, gerät die Außen- zur Innenwelt, sie hört auf, schicksalhaft zu sein.
Als die beiden Freunde Caetano Veloso und Gilberto Gil sich Mitte der sechziger Jahre trafen, spielten und sangen sie den gängigen Bossa Nova nach. Aber die Zeit war reif für dessen Ablösung. Englischer Beat und amerikanischer Rock hatten Brasiliens Musikkultur noch nicht berührt. Die beiden, noch ganz unbekannt, begannen zu improvisieren. Sie kombinierten afroamerikanische Klänge und Rhythmen mit den angelsächsischen Stilen „Tropicälia" hieß ein Lied von Caetano, es hatte einigen Erfolg und das Neue seinen Namen: der Tropicalismo.
Die Bossa Nova Künstler traten brav in Anzug und Krawatte auf, ordentlich wie ihre Musik. Caetano, Mitte zwanzig, stand langhaarig, mit Plastikkleid und Halsketten auf der Bühne. Studenten erwarteten eher einen brasilianischen Bob Dylan mit sozialkritischen Texten zu biederen Melodien. Die herrschenden Militärs bevorzugten Nationalistisches. Aber Caetano war keiner Ideologie verbunden, seine Musik, seine Texte und sein Auftreten wirkten verwirrend anarchisch. Die Diktatur fand das verdächtig und steckte Caetano und Gil 1968 kurzerhand ins Gefängnis. Zwei Monate Zellenhaft, dann vier Monate Hausarrest, dann ging Caetano ins Exil nach London „Es hat mich psychisch geschwächt", sagt er, „mein Leben war nicht mehr planbar Die Erfahrung rumort noch heute in ihm, er mißtraut nun erst recht den eindeutigen Stilen in der Kunst und den geschlossenen Systemen in der Politik.
Wenn schon, dann ist die Suche nach Kombinationen Caetanos „Stil": experimentell, unfertig, vieldeutig - und brasilianisch. Die LP „Circuladö" wurde 1991 allerdings in einem Studio in New York aufgenommen. Arto Lindsay, Haudegen aus der New Yorker Noise Szene, improvisiert mit Caetano darauf das Lied „Ela Ela", bizarre Gitarrentöne zu impulsivem Sprechgesang. Aber der Brasilianer singt auch zärtlich über die Dünen von „Itapuä" an Bahias Strand, die weichen Melodien des bahianischen Sertäo tauchen auf, er verflucht und bedauert sein Land, „die allertraurigste Nation", im Lied „O Cu do Mundo" (Der Arsch der Welt).
Man muß dazu Caetano von früher erzählen hören, vom bahianischen Nest Santo Amaro da Purificac äo, in dem er 1942 geboren wurde. Sein Vater leitete das Telegraphenamt, in dem die Familie auch wohnte. In den Erinnerungen bildet alles eine harmonische Einheit, der Ort, die Wohnung, die Zuneigung der Eltern zueinander und zu den sieben Kindern, die Lieder der Mutter, das erste Verliebtsein, m Caetanos Erzählungen immer noch eine „leidenschaftliche Liebe". Er hat sich nie von dort verabschiedet, weder emotional noch musikalisch, nicht als die Familie in Bahias Hauptstadt Salvador zog, nicht als er nach Rio und Säo Paulo ging, nicht im Londoner Exil. Santo Amaro und New York, das Dorf und „die Welt" verschränken sich in Musik und Leben ineinander, bleiben als Elemente erkennbar, bringen Neues hervor.
Caetano komponiert und textet die meisten Lieder selbst. Er gilt als Spezialist für den Einklang von Musik und Wort. Die Texte sind „konkrete Poesie", surrealistisch, lautmalerisch. Er spielt mit Worten, ordnet sie überraschend, dem Chaos nah, bildet neue Wörter, die sich gegen jede Übersetzung sperren. Der Sängerkollege Djavan schuf das Verb caetanar für diese Sprachfindung „Ufer des Wortes Zwischen den beiden dunklen Ufern der Wörter Lichtung, gereiftes Licht Rose des Wortes Reine Stille, unser Vater", heißt es im Lied „A terceira Margem do Rio" (Das dritte Ufer des Flusses). Caetano besingt gerne die Wörter. Doch traut er nicht den gesagten, nur den gesungenen, die sich der Musik als ihrer Liebhaberin ergeben.
In seinem Land weiß jeder, wie Caetano empfindet, liebt, traurig ist, was ihn fasziniert, wütend oder froh macht „Es ist eine romantische Tradition, daß ich in meinen Liedern gegenwärtig sein muß und daß ich nur ausdrücken darf, was wirklich ein Teil von mir ist. Das ist immer ein bißchen exhibitionistisch", sagt Caetano. Trotz aller Vertrautheit bleibt er seinen Hörern auch fern: „Ich stehe der brasilianischen Wirklichkeit sehr fremd gegenüber. Ich bin anders als sie Er bricht Regeln, stört Ordnungen. Er hält, in Brasilien unübüch, an roten Ampeln und erntet dafür Beschimpfungen. Caetano, brasilianischer „Anarchist", findet den Straßentod einfach zu banal. Leben ist ihm die einzige Autorität - und damit auch die Lust, die Liebe, die Leidenschaft. Ein Individualist in einer eher kollektiven Kultur „Ich empfinde die Differenz sehr stark", sagt er, „manchmal leide ich daran, aber ich mag es auch "
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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