Vom jüdischen Friedhof in Bingen zu Ausstellungen in Würzburg und München eine Reise durch die jüdischdeutsche Vergangenheit Erbe unter Brombeerranken

Von Monika und Otto Köhler

Wir sitzen im ICE Hannah Arendt (Fahrplanerläuterung: „Amerikanische Politikwissenschaftlerin und Soziologin, dt.

Herkunft") von Hamburg in den Süden und lesen in der tageszeitung, daß unsere christliche Mitbürgerin Rita Süssmuth bei ihrem „Blitzbesuch" in Riga den wenigen lettischen Juden, die unseren Blitzkrieg überlebt haben, korrekt erläuterte, warum sie keine Entschädigung bekommen: Die Antragsfrist sei 1965 abgelaufen. Nicht abgelaufen ist sie dagegen für die lettischen SS Männer, die uns beim Massenmord an den lettischen Juden halfen. Sie bekommen jetzt nach dem Bundesversorgungsgesetz eine deutsche Rente.

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Erste Station: Bingen. Das rheinland pfälzische Landesamt für Denkmalpflege hat eingeladen. Betreff: „Inventarisation: Erfassung jüdischer Friedhöfe". Hinter der bürokratischen Formulierung verbirgt sich ein wichtiges Vorhaben der Kulturstiftung Rheinland Pfalz: die photographische und textliche Dokumentation der jüdischen Friedhöfe in diesem Bundesland.

Der Bürgermeister von Bingen erklärt uns am Eingang des jüdischen Waldfriedhofs, daß aus seiner kleinen Stadt 1942 „152 Mitbürgerinnen und Mitbürger deportiert wurden, die jüngste zehn Jahre alt".

Er hat in Auschwitz ein Blumengebinde niedergelegt „in Erinnerung an die Bürger aus unserer Stadt, die unter dem Naziregime von den braunen Schergen umgebracht wurden".

Ein Tiefflieger macht seine Worte unhörbar, soviel glauben wir zu verstehen: Von 700 habe ein „Mitbürger" bis heute überlebt. Der Bürgermeister, jetzt wieder deutlich vernehmbar:

„Er wurde vor wenigen Tagen siebzig, er hat sich bedankt, ich habe gerade heute mittag seinen Brief vorgefunden, wo er erwähnt, daß seinen Eltern es nicht vergönnt war, siebzig Jahre alt zu werden unter dem Eindruck der grauenvollen Ereignisse Der Jude muß sich bedanken, daß er heute in Deutschland siebzig Jahre werden darf - nein, so hat:es der Bürgermeister gewiß nicht gemeint, er redet nur so hilflos wie wir alle daher.

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