Erfolg auf vier Säulen

Alle reden vom Musical - die machen es. Und retten, so ganz nebenbei, aber als stadtbekannter Geheimtip längst nicht mehr unbemerkt, Berlins angekratzte Ehre als Musicalstadt.

Im Friedrichstadtpalast nämlich locken lahme „Jazzlegs" längst nicht genügend Zuschauer aus dem Touristenbus heraus. Auf dem Kurfürstendamm hat Friedrich Kurz mit der Dietrich Fledderei „Sag mir wo die Blumen sind" erfolglos den Frontalangriff gestartet. Ob sein zweiter Griff nach den Musicalsternen - mit „Shakespeare and Rock n Roll" ab 16. September geplant - besser gelingt, wird man sehen. Dem fleißigen, oft auch publikumswirksamen Biedersinn des Metropoltheaters steht als Haus, das auch international anerkanntem Standard genügt - nur das jetzt von Helmut Baumann geführte „Theater des Westens" gegenüber, das Anything goes von sich sagen kann.

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Ganz oben in der Publikumsgunst aber liegt ein kleines Off Theater auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Tempelhof: „Kama - erstes berliner musicalisches privattheater". Das ruht - „ohne Senatsknete" immer noch - auf vier Säulen. Zwei auf der Bühne, die dem Spiel meist hinderlich sind und um die einfallsreich heruminszeniert werden muß. Die beiden weiteren Säulen heißen Katja Nottke und Claudio Maniscalco. Sie haben den Traum vom eigenen Theater realisiert „Wir wußten damals gar nicht, auf was wir uns da einlassen, haben uns eine Truppe zusammengekrümelt und geackert wie die Blöden "

Beide sind um die Dreißig, beide mit Humor begabt (sie sogar mit einer fast dreckigen Lache), beide als Schauspieler auf der Bühne, im Kabarett, Film und Fernsehen tätig „Denn, bei aller Liebe, von unserem Theater können wir alle, derzeit 26 Leute, nicht leben Ein Fall heiterer Selbstausbeutung und ein Theater ohne alternative Verschwitztheit. Gestandene Profis mit Phantasie und Geschmack, die - nie länger als zwei Stunden und zehn Minuten - ihr Publikum unterhalten wollen, ohne Zeigefinger „Aber Probleme wie die von Ausländern oder Schwulen solln die dann ruhig mal näher betrachten", finden Katja Nottke und Claudio Maniscalco, die ihre Initialen KA und MA zum Theaternamen verbunden haben. Nichts mit Karma Esoterik, viel aber mit Kammer Musical, Theater mit Musik (bevorzugt sie) und Musical (mag er lieber).

Mit der jüngsten Produktion ist das bestens gelungen. Peter Lund, 27 Jahre alt, Autor, Regisseur, hat mit „No Sex!" einen erstaunlichen Renner geschrieben, der nachdenklich amüsant Heikles behandelt wie Wohnungsnot und Ausländerhaß, Abschiebungsnöte und die Sehnsucht nach dem Mut zum Coming out. Ein Boulevardmusical mit witzigen Dialogen und Songtexten, die pointierte Schärfe mit nie sentimentaler Poesie verbinden. Ganz nebenbei bringt Lund noch das Kunststück fertig, auch die 68er Generation zur Lachnummer zu machen.

Das kleine Haus hat sich etabliert, der Erfolg aber zeigt auch seine Tücken. Die Platzausnutzung nähert sich den magischen einhundert Prozent. Hits wie die hundertfach gespielte Eröffnungspremiere „Die Schöne und das Tier", eine Edith Piaf Revue „Ich bereue nichts", ein ZarahLeander Solo „Nach mir ist man süchtig" (die alle Katja Nottke Jubel einbrachten) könnte man häufiger, vor allem vor mehr Publikum spielen. Daher der Wunsch nach einem größeren Haus mit 200 bis 300 Plätzen. Dann könnte man Gagen zahlen, die sich über das zierliche Maß von „Anerkennungsgebühren" erheben. Hätte ein Büro, das die Maße einer Naßzelle übertrifft, und ein Foyer, in dem man sich nicht so drängelt, könnte vielleicht sogar an eine Klimaanlage denken, mit richtig frischer Luft. Denn die Sponsoren - gelobt und geschätzt, gleichwohl - bieten nur eigene Bordmittel: tägliche Spots ein Lokalradio, Gratisanzeigen eine Stadtillustrierte.

Sponsorenleistungen ganz eigener Art bietet Vater Joachim Nottke. Der frühere Schauspieler ist jetzt ein gefragter Autor für Hör- und TVSpiele, „Tatort" inbegriffen. Er hat die „Schöne und das Tier" geschrieben, den „Piaf Erfolg und - nach dem Ufa Film und Blake Edwards Remake von 1983 „Victoria! Victor". In dem gibt Katja Nottke die arbeitslose Sängerin, die im Berlin der dreißiger Jahre im Travestietingeltangel einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Ausgerechnet dieser Spielplanrenner ist nun gefährdet. Der Erfolg drang bis nach Hollywood und brachte Regisseur Edwards auf die Idee, aus seinem Film selbst ein Musical für den Broadway zu machen. Und wie es so geht, wenn ein dicker Kater eine muntere Maus tanzen sieht - er schlägt zu. Edwards ließ einen herb entschiedenen Brief schreiben, alle Rechte am Stoff für sich in Anspruch nehmen und weitere Vorstellungen erst einmal sperren. Ob zu Recht, müssen jetzt Anwälte klären. Und dabei so freundlich sein, daß der große Hollywood Kater das kleine erfolgreiche MusicalMäuschen mit dem Spielplan Speck weiterspielen läßt. Broadway Konkurrenz können und wollen die Kama Leute gar nicht sein. Und vielleicht wissen die Bosse in Los Angeles gar nicht, daß die Berliner mit großem Erfolg eigentlich ganz etwas anderes machen - „Theater ohne Knete".

 
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