Frohgemute Desasterforscher
Die Karte auf dem Schreibtisch des Geophysikers Frank Roth sieht aus, als seien auf ihr sämtliche Schlachten verzeichnet, die jemals in Mitteleuropa gefochten wurden. Sie ist wild übersät mit zusammenstoßenden Pfeilen, einige davon aufgereiht entlang von Linien, die an Frontverläufe erinnern. Den Wissenschaftler am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) beschäftigen allerdings keine Kriege. Ihn fasziniert das jahrmillionenalte Schieben und Drängen, Schrammen und Zerren dreier geologischer Kontrahenten. Sie alle sind Teile der starren, bis zu siebzig Kilometer dicken Erdkruste und schwimmen quasi auf dem zähflüssigen Erdmantel.
Da ist zum einen die afrikanische Platte, ein Teil der Erdkruste, der sich von Süden her in den Unterleib Europas rammt und dabei die Alpen vor sich wie eine Bugwelle aufwirft; dann der mittelatlantische Rücken, wo tief aus dem Erdmantel glutflüssiges Magma zum Grund des Atlantiks heraufstößt, neue Erdkruste bildet und dadurch den alten Meeresgrund nach Amerika und nach Europa wegschiebt; schließlich die russische Tafel, ein Erdkrustenteil östlich von Mitteleuropa, der wie ein zähes Widerlager dem gewaltigen Vorstoß der beiden westlichen Kontrahenten Paroli bietet. Folgen dieses Ansturms im Tempo von wenigen Millimetern bis Zentimetern pro Jahr sind Spannungen im steinernen Fundament Europas. In Gesteinsaufschlüssen zeigen sie sich manchmal als Verwerfungsrisse, seltener entladen sie sich als Erdbeben. Den Wissenschaftlern vom GFZ liegt sehr daran, das zähe Kräftemessen in der Erdkruste besser zu verstehen. Denn das brächte die Erforschung der Ursachen von Naturkatastrophen voran, einen Schwerpunkt der Anfang 1992 gegründeten Großforschungseinrichtung auf dem Potsdamer Telegrafenberg.
Zum Leidwesen der Geologen prangt auf der Spannungskarte ein riesiger weißer Fleck: Rußland Über die tektonischen Vorgänge im festen Widerlager der europäischen Platte wissen die Forscher wenig. Ende Mai brach deshalb der Bohrlochmeßwagen des GFZ auf und nahm Kurs auf den Ural. Dort wollen die Wissenschaftler bis zu 5500 Meter tiefe Bohrlöcher auf sogenannte Randausbrüche untersuchen, die etwas über Gesteinsspannungen verraten. Der Erwartung nach sind Bohrlöcher rund - wie der Querschnitt der Bohrmeißel. Steht nun aber die Erdkruste im Umfeld der Bohrung unter Druck oder Zug, verformt sich das Loch nach der Theorie zu einem leichten Oval - genauso wie sich das Loch eines Schweizer Käses plättet, wenn man ihn von oben auf die Tischplatte preßt. Zusätzlich brechen in Bohrlöchern an den spitzeren Seiten des Ovals Gesteinspartikel aus der Wandung. Um diese Randansbrüche zu entdecken, lassen die Geologen an einer Seilwinde eine Sonde ins Bohrloch hinab. Beim Hochziehen tasten Fühler die Wände des Bohrlochs ab und vermessen sie.
Außerdem tritt ein „Televiewer" die Fahrt in die Tiefe an: Ähnlich wie ein kreisendes Echolot späht auch er nach Unregelmäßigkeiten im Querschnitt des Bohrlochs „Wir fragen uns, wie groß der Einfluß der Krustenentstehung am mittelatlantischen Rücken ist im Vergleich zur Kollision der afrikanischen Platte mit der europäischen", erklärt Frank Roth das Forschungsinteresse. Auf die Ergebnisse der Bohrlocherkundungen ist deshalb auch Jochen Zschau gespannt, der Direktor der Abteilung Desasterforschung am GFZ. Nach Jahren der Beschäftigung mit Naturkatastrophen befürchtet Zschau, daß sich der „uralte Menschheitstraum Erdbebenvorhersage" nie erfüllen lassen wird „Entgegen vieler Zeitungsberichte können wir nicht vorhersagen", sagt er lapidar und denkt dabei auch an Vulkane: „Es hat Fälle gegeben, wo man den Vulkan gar nicht als solchen erkannt hat, und dann ist er ausgebrochen. Jeder Vulkan verhält sich anders "
Ähnlich hilflos sind Seismologen bei Erdbeben, die allein in diesem Jahrhundert über zwei Millionen Todesopfer forderten „Man sieht hier noch viel seltener Vorläuferphänomene als bei Vulkanen. Und die Mechanismen, die zu diesen Phänomenen führen, sind noch ganz und gar nicht verstanden", erläutert der Desasterforscher „Zum Beispiel gibt es Vorlaufereignisse, die in tausend Kilometer Entfernung vom Epizentrum des Bebens registriert werden, aber in fünfzig Kilometer Entfernung ist nichts zu spüren Zschau gelang es immerhin, bei mehreren Beben an der nordanatolischen Verwerfung in der Türkei eine räumliche Konzentration von Mikrobeben nachzuweisen, die den schweren Erschütterungen vorausgingen. Dennoch sollten seiner Ansicht nach Desasterforscher nicht nur versuchen, Beben vorherzusagen. Sie müßten auch anstreben, katastrophalen Wirkungen von Erdbeben vorzubeugen.
Zschau ist Vorsitzender des Deutschen Task Force Komitees Erdbeben, einer Eingreiftruppe, die vor, während und nach Katastrophen am Ort des Geschehens tätig wird. Geowissenschaftler, Baustatiker, Soziologen und Versicherungsfachleute untersuchen geschädigte Bauwerke, beraten Raumplaner, forschen nach Bodenrissen, austretenden Gasen und Veränderungen im Grundwasserspiegel. Die Task Force wurde Ende März gebildet; sie ist ein Beitrag zum weltweiten Bemühen darum, daß Naturkatastrophen weniger Schaden anrichten.
Diese Herausforderung hat die Vereinten Nationen bewogen, die neunziger Jahre zum Jahrzehnt der Katastrophenvorbeugung auszurufen: Die am dichtesten besiedelten Regionen der Welt decken sich erschreckend gut mit den am stärksten von Erdbeben gefährdeten Zonen, vor allem in Südostasien. Und einige Megastädte wie Mexico City stehen auf wackelndem Boden. Die mexikanische Hauptstadt mit ihren über zwanzig Millionen Einwohnern wuchert auf den Ablagerungen eines ehemaligen Sees. Und die werden zum Wackelpudding, wenn an der 350 Kilometer entfernten Pazifiküste wieder einmal ein Erdbeben wütet, weil sich dort die pazifische Krustenplatte mit einem Ruck unter die amerikanische zwängt.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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