Von Rosenheim nach Marokko: Wie sich amnesty international um politische Gefangene kümmert Hilfe, die durch Mauern dringt
Von Martin Klingst Kenitra/Rosenheim
Tausendfach bricht sich das Abendlicht auf dem Wasser des Oued Sebou. Die letzten Sonnenstrahlen verleihen dem schmutzigbraunen Fluß für einen Augenblick Glanz. Im Hafen von Kenitra legen eine Handvoll Fischerboote ab und tuckern flußabwärts zum Atlantik. Gedankenversunken starrt der kleine Adil ihnen nach, bis sie hinter der Biegung verschwinden. Dann wandert sein Blick den Hügel hinauf, streift die grauen, sich an den Hang schmiegenden Häuser und die spitz in den Himmel ragenden Minarette. Schließlich verharren seine Augen auf einer langen weißen Mauer „Dahinter", sagt der blasse Junge leise, „dahinter lebt mein Vater "
„Dahinter arbeitet mein Vater", hat er früher geantwortet. So hatte es ihm vor Jahren seine Mutter Zoulikha erklärt, „weil er doch damals viel zu jung war, um die Wahrheit zu begreifen". Inzwischen aber ist Adil zehn Jahre alt. Längst weiß er, warum er den Vater hinter dicken Mauern besuchen muß: Said Tbel ist ein politischer Gefangener. Einer von rund 500 in Marokko und einer von 100 in dem nordafrikanischen Land, die seit Jahren von der Menschenrechtsorganisation amnesty international betreut werden.
Es geschah am 26. Oktober 1985, mitten in der Hauptstadt Rabat: Vier Männer stürzten in das Büro des Gewerkschafters Said Tbel und zerrten ihn in einen gelben Mercedes. Dann rasten sie zu ihm nach Hause, durchwühlten die Wohnung, rissen die in Schweinsleder gebundenen Werke von Marx, Lenin und Mao Tse tung aus dem Regal, herrschten die taut weinende Ehefrau an, ruhig zu bleiben - und brachten Said fort.
Wohin, das erfuhr Zoulikha erst Wochen später. Die Geheimpolizei hatte Said und etliche seiner Weggefährten, Mitglieder der verbotenen linkssozialistischen Gruppe H Amam („Vorwärts"), in das Gefängnis von Casablanca gesperrt. Den Spitzeln war zuvor eine Schmähschrift in die Hände gefallen, die beißende Kritik an der staatlichen Wutschaftspolitik übte und die Arbeiter zum Streik aufrief - ein schlimmes Verbrechen in einem Land, in dem allein der König entscheidet, was seinem Volk guttut.
In jenen Wintermonaten vor acht Jahren ging Said Tbel durch die Hölle. Mit einem Dutzend anderer Häftlinge hockte er in einer engen, feuchten Zelle. Die Notdurft mußten sie neben der Lagerstatt verrichten; aus dem klebrigen, übelriechenden Brei, den ihnen die Wärter zweimal am Tag zum Essen vorwarfen, krochen Würmer. Said wurde krank. Sein Magen krampfte, die Haut juckte, der schwere Husten ließ ihn nicht schlafen. Am schlimmsten aber waren die Verhöre. Häufig holten ihn seine Peiniger mitten in der Nacht auf die Wachstube, befahlen ihm, aufrecht zu stehen, und schlugen - wenn er vor Erschöpfung einknickte - erbarmungslos auf ihn ein. Einmal gar hängten sie ihn mit gefesselten Füßen und Händen so lange an eine Stange, bis die Gelenke auskugelten. Kein Arzt linderte seine Schmerzen.
Im Februar 1986 machte ihm der Staat Marokko schließlich den Prozeß. Said Tbel wurde wegen „Unruhestiftung und Mitgliedschaft in einer verbotenen politischen Organisation" zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Zunächst saß er in Casablanca ein, dann verlegte man den kranken Häftling Nummer 21649 nach Kenitra, eben hinter die lange weiße Mauer auf dem Hügel über der Stadt „Zwölf Jahre sind eine verdammt lange Zeit, zu lange, um damit allein fertig zu werden", sagt Zoulikha. Sie kramt einen dicken Stapel Briefe aus dem Schrank: Solidaritätsbekundungen aus Frankreich, aus den Vereinigten Staaten, vor allem aber aus Deutschland. Dutzende Male hat Diether Böge aus Rosenheim in Bayern geschrieben, nach Said gefragt, Hilfe angeboten und Zoulikha Trost gespendet. Und die zierliche, energische Frau hat geantwortet. Anfangs erst zögerlich, „weil man bei uns ja nie weiß, wer hinter den Briefen steckt"; dann aber regelmäßig :
Zoulikha Tbel hat Diether Böge von ihrem Leben erzählt: daß sie vormittags ihren Lebensunterhalt als Grundschullehrerin verdient, mittags ihrem Sohn das Essen kocht, nachmittags den Mann im Gefängnis besucht oder sich mit einer Menschenrechtsgruppe trifft und abends Adils Schularbeiten überwacht. Zweimal schon hat Diether Böge ihr Geld geschickt, um Said frisches Obst und Gemüse ins Gefängnis zu bringen „Ich glaube, niemand kann wirklich ermessen, wie wichtig es ist, daß draußen Menschen von unserem Schicksal erfahren und Anteil nehmen", sagt Zoulikha. Politischen Gefangenen und ihren Angehörigen Mut zuzusprechen, „ihnen zu zeigen, daß sie nicht in Vergessenheit geraten" - dieser Wunsch führte Diether Böge vor vielen Jahren zu amnesty international. Der bayerische Postbeamte schloß sich der Rosenheimer ai Initiative an (in Deutschland gibt es mittlerweile 544 Gruppen) und kümmert sich seither um den „Fall Said Tbel".
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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