Wirtschaftsbuch: Eine neue Fundamentalkritik der Entwicklungspolitik Hilfe zur Selbstbedienung

Von Holger Baum

Tödliche Hilfe - das war Titel und Quintessenz eines Buches von Brigitte Erler, die als ehemalige Mitarbeiterin des Entwicklungshilfeministeriums eine vernichtende Bilanz unserer „Hilfsprogramme" für die Dritte Welt vorlegte. Diese Generalabrechnung machte Ende der achtziger Jahre in der Öffentlichkeit so viel Wirbel, daß die Bonner Ministerialbeamten wochenlang mit der Beantwortung von Bürgeranfragen beschäftigt waren. Seit einigen Monaten nun liegt eine weitere Fundamentalkritik der Entwicklungshilfe vor, der man vergleichbare Aufmerksamkeit wünscht.

Alexander ist Volkswirt und Agrarökonom und seit 25 Jahren als Fachberater für die staatliche Entwicklungshilfe tätig. Sein Urteil über die staatlichen, die privaten und die kirchlichen Entwicklungsorganisationen ist verheerend. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Resultate seien katastrophal; die Qualität der Entwicklungshilfe fundamental unzureichend.

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Die Beispiele, die Paul Alexander aufführt, sind tatsächlich schockierend: Da sammeln wohlmeinende Privatinitiativen ausgetretene Schuhe, Brillengestelle und Altkleider, um sie irgendwo in einem Entwicklungsland „den Armen" zu schenken - doch mit den Abfällen unserer Überflußgesellschaft wird die Existenzgrundlage lokaler Gewerbebetriebe vernichtet. Da bezahlt die Deutsche Welthungerhilfe afrikanische Bauern für den Bau von Brunnen und Flußdeichen mit Nahrungsmitteln, die aus Thailand importiert wurden doch in den Dörfern faßt nun niemand mehr ein Werkzeug an, ohne dafür entlohnt zu werden. Da finanziert die Bundesregierung mit Hermesbürgschaften eine Reihe von Bulldozern, die den brasilianischen Regenwald zerstören - und entsendet gleichzeitig Experten, die ebenjenen Wald rehabilitieren sollen.

Die verschenkten oder zu Dumpingpreisen gelieferten Agrarüberschüsse zur Speisung der Armen in der Dritten Welt nennt Paul Alexander zu Recht Danaergeschenke, denn sie höhlen geradewegs das Produktionspotential der Entwicklungsländer aus, deren Bauern gegen die Auslandskonkurrenz nicht bestehen können. So werden Arbeitsplätze zu Millionen vernichtet und zugleich korrupte Politiker, wie weiland der äthiopische Diktator Haile Mengistu, in die Lage versetzt, ihre Herrschaft gegen das Aufbegehren der Massen zu schützen.

Wenn dieser Wahnsinn so offensichtlich ist, was ist der Zweck? Paul Alexander kommt zu dem Schluß, daß es den westlichen Industrieländern vor allem darum geht, ihre Überschüsse aus Industrie und Landwirtschaft irgendwo unterzubringen. Nicht Hilfe zur Selbsthilfe also, sondern Hilfe liche Projekte und private Spenden werden Exportmärkte erschlossen und zugleich das Entstehen funktionierender Binnenmärkte in den Entwicklungsländern verhindert: Das ist nichts weiter als der Export von Arbeitslosigkeit.

Bei all dem gehen die Industrieländer eine unheilige Allianz mit den Eliten der Entwicklungsländer ein, die - so der Autor - ihrer Cheffunktion in keiner Weise nachkommen. Statt die volkswirtschaftlichen Eigenleistungen ihrer Länder zu forcieren, präsentieren sie den Geberländern immer neue Vorschläge für Projekte, Budgethilfen und Warenlieferungen. So wirtschaften sie auf fremdes Risiko und tragen zur Abhängigkeit ihrer Staaten vom reichen Westen bei. Dies allerdings zum eigenen Vorteil, denn über ihren Zugriff auf den Staatshaushalt oder durch mehr oder weniger offene Korruption zählen sie, so Alexander, zu den Profiteuren des Spiels.

Die Dritte Welt leidet nicht an zuwenig, sondern an zuviel Entwicklungshilfe, folgert der Autor und plädiert dafür, die „Knappheitsverhältnisse" umzudrehen. Nicht zu Unrecht wirft er den Organisationen vor, Entwicklungshilfe zuvörderst als Mittelabflußproblem und weniger als Qualitäts- und Effizienzfrage zu behandeln. Nur zehn bis zwanzig Prozent aller Projekte haben nach seinen Erfahrungen Erfolg. Solange Entwicklungshilfe aber lediglich als Transferaufgabe behandelt wird ohne Rücksicht darauf, ob damit Innovationen und rentable Investitionen verbunden sind, steht sie im Widerspruch zu jeder marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik.

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