Geistig Behinderte flauen in die Tasten HipHop von "Station 17"
Von Brigitte Jakobeit
So war das: Einer bewegt in traumhaft verlorenem Gleichmaß die Trommelstöcke. Einer drückt lässig die Tasten des Elektroklaviers über dem Rhythmus der weichen, vollen Baßgitarre. Unangestrengt kommt der monotone Sprechgesang über die monotonen Rhythmen. Vor der Bühne wird getanzt, ekstatisch und wild, still und in sich gekehrt. Ein Konzert der Rockavantgarde in der Hamburger Fabrik, bei dem eigentlich eine neue CD vorgestellt werden soll. Nur klingt keines der Stücke wie auf dieser CD „Station 17" spielt niemals dasselbe.
Warum nicht? Was beim ersten Hören wie einstudiertes Programm klingt, ist in Wirklichkeit Uraufführung. Melodien und Rhythmen, Klangfarben und Gegenrhythmen werden aus dem Moment heraus entwickelt. Ein Zufallsprinzip, das schon nahelegt, daß die Band manchmal zu wunderschönen Klanggeweben zusammenfindet und manches in wohltuend schräges Chaos zerfällt. Und genaugenommen sind die Hälfte der Leute oben auf der Bühne auch keine Musiker.
Station 17 ist, wie es so schön heißt, ein Projekt, in dem behinderte und nichtbehinderte Musiker zusammenarbeiten. 1988 von Kai Boysen, dem 32jährigen Musiker und Heilerzieher, initiiert, unterstützte die Phonogramm den Versuch drei Jahre lang. Ergebnis war ein erstes Album („Station 17"), an dem bekannte Musiker wie F M. Einheit von den Einstürzenden Neubauten, Holger Czukay von Can oder Campino von den Toten Hosen mitwirkten und produzierten. Im Mittelpunkt der einzelnen Titel stand jeweils ein Behinderter, auf dessen musikalischen Vorlieben die Profimusiker das Stück aufbauten. Die Resonanz auf Station 17 war immerhin so beachtlich, daß der Verkaufserlös den Musikern auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf einen Übungsraum und Instrumente, die Möglichkeit zu Konzertauftritten und zur Produktion der neuen CD „Genau so" einbrachte.
Seitdem wird jeden Freitag geprobt. Für die „Anstalter" - eine aus dem spielerischen Sprachgebrauch der Behinderten entstandene Wortschöpfung - der Höhepunkt der Woche, der Interruptus im Anstaltsrhythmus. Der Übungsraum als pädagogikfreie Zone stößt inzwischen auf so großes Interesse, daß in acht Gruppen gespielt wird. Und seit der Veröffentlichung von „Genau so" geben sich die Reporter von lokalen Fernsehsendern, Rundfunkstationen und Zeitungen die Klinke in die Hand. Interviews und Fragen über Fragen, wie und warum geistig Behinderte Musik machen, wie es sein kann, daß die dreißig Musiker auf „Genau so" zwanzig Stücke produziert haben, die ebenso professionell wie ungewohnt klingen. Ein Thema, das Kai Boysen nur noch „nervt": „Wenn man dauernd den sozialen Hintergrund in den Vordergrund stellt, kommt unsere Musik zu kurz "
Chaos, Zufall. Ausprobieren, dieses Prinzip herrscht im Übungsraum. Die „Anstalter" setzen sich an den Synthesizer, ans Schlägzeug, greifen sich die Gitarre, und irgendwann findet jeder seinen Stil, für seine Art von Motorik. Die „Fehlerpfleger" (Bezeichnung für „normale" Musiker) steigen auf die Klangfolgen ein, forcieren oder reduzieren. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis musikalischer Kontakt und sinnliche Improvisation entstehen, eine Stunde, bis ein Stück fertig ist. Und so haben auch die Texte ihren Ursprung. Birgit Höhnen kam eines Tages in den Übungsraum und probierte verschiedene Instrumente aus. Nach einiger Zeit fiel auf, daß sie dabei immer die Lippen bewegte. Man schob ihr ein Mikrophon an ien Synthesizer und stellte beim späteren Abhören der Kassette fest, Birgit bringt ihren Alltag luf den Punkt, spricht Textminiaturen von bestehend einfacher Poesie: „Ne, nicht lachen schweigen. Beim Zahnarzt wird nicht gelacht. Da wird in n Mund gekuckt. Ja ganz einfach: Dann wird nachgekuckt, ob ich ein Loch hab. Und wenn ich ein Loch hab, muß das gebohrt werden Wenn du Terror machst gehst du raus! Mein Gott, gehts noch lauter? Wenn du rumschreist, gehst du raus! Ja so ist das "
Vermutlich wird „Genau so" nicht die Hitparade stürmen. Aber mit ihren fast zarten und schwingenden Rhythmen, den verstreuten Klangtupfern, die die sachlich bis absurden Texte untermalen, könnte Station 17 eine Kultplatte geschaffen haben. Denn was die deutsche Rockmusik seit Palais Schaumburg, DAF oder Kraftwerk versucht, deutsche Sprache mit Musik zu verbinden, ist den Sängern und Musikern auf dieser CD gelungen. Synthesizerklänge, ein leichter Reggae, HipHop oder Jazzrhythmus, das Saxophon, fern wie im Nebenraum gespielt, halten die Texte zusammen und folgen ihnen gleichzeitig.
Vierzehn Tage lang wurde in den Übungsraum in Alsterdorf ein Tonstudio integriert und bei interessanten Passagen der Aufnahmeknopf gedrückt. Man spürt, die Musiker haben aufeinander gehört, in langen, freien Improvisationen, um dann aus zwanzig Stunden Material die Quintessenz zu ziehen. Station 17 will weitermachen. Mit Kai Boysen, der sich regelmäßig um die Verlängerung seines labilen Arbeitsvertrages kümmern muß; mit den zehn „Fehlerpfleger" Musikern, die - traurige Realität solcher Projekte - ehrenamtlich Woche für Woche die Arbeit im Alsterdorfer Übungsraum ermöglichen; und mit den „Anstaltern". Man will, vielleicht, eine weitere CD aufnehmen, bei der dann allerdings, so hofft Kai Boysen, nur mehr die Musik im Vordergrund steht. Und man wird weiter auftreten, in kleineren Formationen, vor einem Publikum wie in der Fabrik, das nicht zum Gaffen kommt, sondern zum Hören. Ja so ist das.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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