Vermischte Nachrichten vom großen Münchner Festival „Theater der Welt 93" Im Tal des Erstaunens

Von Benjamin Henrichs

beginnt, sind es noch genau vierzehn Tage bis zum zentralen Ereignis des Festivals. Aber davon später.

Als das Festival beginnt, beenden Donner, Blitz und Wolkenbruch einen tropischen Münchner Frühsommer. Noch nimmt die Stadt das Theater kaum zur Kenntnis, denn andere, größere Spektakel halten sie gänzlich in Atem. Der Evangelische Kirchentag geht zu Ende: Stille, innige Menschen bevölkern die ganze Stadt, aber es gibt auch viel heiligen Lärm. Posaunenchöre allüberall - nicht einmal im Englischen Garten ist man vor ihrem gottgefälligen Geschmetter in Sicherheit.

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Und dann sind die Löwen los. Den leidgeprüften Fußballern vom TSV 1860 München gelingt endlich der Aufstieg von der dritten n die zweite Liga und dies, versetzt die einen größeren Freudentaumel als alle Beinahewelterfölge der Parvenüs Vom FC B%y§b$rÄls"<&er Schlußpfiff im Stadion an der Grünwalderstraße ertönt, öffnen sich alle Schleusen des Glücks. Die Löwenfans weinen, die Spieler weinen, und der Vereinspräsident, er weint natürlich auch. Jetzt, in der Stunde des Aufstiegs, gerät auch ein braver Reporter vom Bayerischen Fernsehen in den dionysischen Wirbel, und schreiend stellt er dem Fußballtrainer Lorant die Frage der Fragen: „Was empfinden Sie jetzt, in der Stunde des Augenblicks?" Was genau der Fußballtrainer empfand, ist uns entfallen - wir wissen nur noch, daß sich seine Empfindungen Wort für Wort (und Träne für Träne) mit unseren Empfindungen deckten. Aber sind wir nicht des Theaters wegen hier? Das Theater hat, als das Festival beginnt, vergleichbar bacchantische Szenen noch nicht zu zeigen. Sein Anfang ist Mühsal, Treu und Redlichkeit.

Schauspielhäuser steuern zum Fest des Welttheaters eine eigene Produktion bei. In den Kammerspielen zeigt der Intendant Dieter Dorn eine Inszenierung der „Perser", an welcher das Beste die gute Gesinnung ist. Im Residenztheater wagt der Kanadier Robert Lepage eine Shakespeare Collage, an welcher das Schönste der Titel ist: „Rapid Eye Movement".

Die Perser sind ein Siegervolk. Fröhlich mordend vergrößern sie ihr Reich. Doch dann trifft sie die erste vernichtende Niederlage, gegen die Griechen, in der Schlacht bei Salamis. Und von einer Stunde auf die andere, von einem Augenblick zum nächsten, erkennen sie das Grauen des Krieges, das Ausmaß der eigenen Greueltaten. Verlierer, sagt Aischylos (der Grieche, der Sieger, der Tragödiendichter), sind klüger als Sieger. Aber ihre Klugheit, das ist die Tragödie, kommt zu spät.

Leere Bühne (Jürgen Rose). Bewachsen von einem ausgedörrten, von der Sonne gebleichten Kornfeld. Eine Schneise führt durch den Zuschauerraum. Hier spielt die Tragödie, mitten unter uns. Die tragischen Helden sind unsere Sitznachbarn und Zeitgenossen. Wir sind das Volk, wir sind die Perser.

Die Herren des Chors tragen Anzüge von der Stange und haben den bekannten, verschreckten Untertanenblick. Der grimmige Statthalter (Thomas Holtzmann) trägt Bluejeans und deklamiert gleichwohl im Klassikerton. Der König Xerxes (Axel Milberg) kommt in weißen Sommerhosen daher, als sei er nicht einer blutigen Schlacht, sondern einer faden Strandparty entkommen. Der tote König Dareios (Rolf Boysen) muß über einen Parkettstuhl klettern, bevor er ins tragische Geschehen eingreifen kann - das erschütterndste an seinem eindringlichen Auftritt ist die niederschmetternde Erkenntnis, daß der Mensch noch im Totenreich diese trostlosen Kaufhaus Sakkos und dicken Armbanduhren tragen muß. Nur Gisela Stein (die Königin Atossa) bleibt, auch wenn sie in größter Nähe agiert, ganz fern: ein stolzer Fremdling, undurchdringlich.

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