Es geht um mehr als Bananen - schotten sich die Europäer gegen unerwünschte Einfuhren ab? Krumme Touren
Darauf haben viele Bundesbürger gewartet, um wieder einmal aus vollem Herzen über Brüssel herziehen zu können: Die EG Banane hat sich gegen die Drittlandsbanane durchgesetzt. Vom 1. Juli an gilt in der Gemeinschaft eine neue Marktordnung, die DollarBananen aus Lateinamerika gegenüber den Bananen aus Kreta, den Kanarischen Inseln, Kamerun und einigen Pazifikinseln klar benachteiligt. Preissteigerungen für der Deutschen liebste Frucht, Armut in den Plantagen Südamerikas — diese Vision konnte auch den Europäischen Gerichtshof nicht erschüttern, der am Dienstag eine vor allem von der Bundesregierung beantragte einstweilige Anordnung gegen die krumme EGSache ablehnte.
Doch gemach: Davon geht die Welt nicht unter. Der deutsche Bananenfan wird das Objekt seiner Begierde weiter in beliebigen Mengen kaufen können. Und daß die Preise sich jetzt wie angedroht verdoppeln, ist so gut wie ausgeschlossen. Das eigentliche Problem ist weitaus größer. Der Bananenstreit ist kein isoliertes Ereignis, angezettelt zu Nutz und Frommen unterentwickelter Regionen, deren ehemalige Kolonialherren sich für sie verantwortlich fühlen. Er ist vielmehr ein unübersehbares Indiz dafür, daß die Mehrheit der EG Mitglieder es völlig in Ordnung findet, wenn Märkte durch Importkontingente und Schutzzölle reguliert werden.
Solche Beispiele häufen sich. Einmal geht es um Schuhe aus China, dann um T Shirts aus Korea. Erst wird den polnischen Bauern der Zutritt zum EG Markt verwehrt, dann tschechischen Stahlherstellern. Im Streit mit den Amerikanern verrennen sich die Europäer in unsinnige Prestigekämpfe, bei der Abwehr japanischer Autos lassen sie sich immer neue Argumente einfallen. Der große, grenzenlose Binnenmarkt, aus gutem Grund als Fortschritt gefeiert, wird langsam, aber sicher gegen unerwünschte Einfuhren nach außen geschlossen.
Unverkennbar ist auch, daß es vor allem die Franzosen sind, die den europäischen Markt am liebsten zur Festung ausbauen würden. Leute, die in Paris ernst genommen werden, fordern die Auflösung des Gatt Abkommens, das den internationalen Handel in der Vergangenheit beflügelt hat. Unverhohlen wird in Frankreich die Wirksamkeit von Zöllen gerühmt und gegen die illoyale Konkurrenz vojj Newcomern gewettert. Billiganbieter landen fast schon automatisch in der, Kategorie Dumpirig. Wo bleibt schließlich die europäische Identität, tönt es aus französischen Landen, wenn die Außengrenzen durchlässig sind wie ein Sieb? Zweierlei ist beunruhigend an dieser Entwicklung. Zum einen die Erfahrung, daß den Europäern angesichts der in der EG grassierenden Rezession offensichtlich die wirtschaftliche Vernunft abhanden kommt. Das Schockerlebnis der immer weiter wachsenden Arbeitslosigkeit erklärt vieles und entschuldigt manches. Doch die gemeinsame Erfahrung der vergangenen Jahre sollte alle Europäer gelehrt haben, daß sie ihren Wohlstand mit offenen Grenzen mehren. Es stimmt wohl, daß Europa im Vergleich zur japanischen und amerikanischen Konkurrenz an Boden verloren hat. Aber wer die Grenzen abschottet, wird nicht wettbewerbsfähiger. Er verschließt die Augen vor der Realität und gerät dabei immer mehr ins Hintertreffen. Das kann nicht der europäische Weg sein. Bedenklich ist zum ändern, daß der Grundkonsens zwischen Deutschland und Frankreich, ohne den in Europa nichts läuft, zusammenschrumpft. Das gilt nicht nur für den Bananenstreit, sondern generell für Handelsfragen, zudem auch für die so wichtigen Bereiche der Währung und der Industriepolitik. Die Meinungsverschiedenheiten haben sich verstärkt, seit in Paris eine konservative Regierung amtiert. Sie hat verstanden, daß Frankreich für sich nicht mehr dichtzumachen ist, dieses Ziel versucht sie nun für Europa zu erreichen. Der deutsche Partner starrt derweil wie gebannt auf die Banane. Eine Perspektive ist das nicht.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



