Liebe allein genügt nicht
Auffälliges Verhalten von Kindern in den ersten Lebensjahren, bei den meisten harmlos und vorübergehend, ist bei einigen ein Warnsignal und ein erster Hinweis auf eine spätere Drogengefährdung. Das Risiko wird um so größer, je länger die Probleme des Kindes anhalten. Sie addieren sich schließlich zu einer Krise. Der amerikanische Entwicklungspsychologe Jerome Kagan versteht jede über eine lange Zeit andauernde Verhaltensschwierigkeit eines Kindes als einen Hilferuf.
Wie wichtig es ist, diesen nicht ungehört verhallen zu lassen, zeigen vor dreißig Jahren begonnene Längsschnittstudien amerikanischer Forscher zum Thema Drogenabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen, deren Ergebnisse kürzlich auf einer Veranstaltung der „Vorsorge Initiative der Aktion Sorgenkind" vorgestellt wurden. Die Analyse von „Drogenkarrieren" zeigt: Verhaltensauffälligkeiten in der frühen Kindheit führen zwar keineswegs zwangsläufig zu späterer Sucht, jedoch lassen sich bei bereits drogenabhängigen Jugendlichen seelische und soziale Probleme immer bis in die ersten Lebensjahre zurückverfolgen.
Deutsche Fachleute wie Gerd Lehmkuhl, Vorsitzender der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und Rainer Silbereisen, Entwicklungspsychologe an der Universität Gießen und der Pennsylvania State University, bestätigen das. Nach ihrer Meinung ist der Gefährdung der Kinder viel besser als durch späte Therapie durch Vorbeugung im Kindergartenalter beizukommen. Die Erfahrung lehrt überdies, daß einer Sucht um so schwerer zu begegnen ist, je früher in der Kindheit sie aufgetreten ist. Mit anderen Worten: Wer als Achtzehnjähriger in Abhängigkeit hineingleitet, ist leichter zu retten als jemand, der schon mit zehn, zwölf Jahren Drogenerfahrung sammelt. Gemeinsam mit den Fachleuten aus Frankfurt und Gießen hat die Vorsorge Initiative jetzt ein Programm erarbeitet mit Informationen über erste Warnsignale bei einem gefährdeten Kind und konkreten Vorschlägen für eine frühe Vorbeugung gegen Suchten sieben „Regeln". Obwohl die meisten Väter und Mütter intuitiv nach diesen Regeln handeln, hilft es nach Meinung der Initiative, sie wirklich bewußt zu machen. Es sind schlichte, eigentlich selbstverständliche Ratschläge wie diese:
Liebe allein genügt nicht, man muß sie auch zeigen. Ein Kind darf keine Zurückweisung erfahren, wenn es Zärtlichkeit sucht.
Eltern helfen ihrem Kind, Selbstachtung zu entwickeln, wenn sie es in seihen Fragen und Tätigkeiten respektieren, ihm eigene Verantwortung übertragen und zutrauen und mehr seine Bemühung anerkennen als nur seine vorzeigbaren Leistungen. Viele Kinder zweifeln an der bedingungslosen Liebe ihrer Eltern und verlieren das Vertrauen, wenn sie sich vor allem nach ihren Leistungen bewertet fühlen. Alle Kinder mit Drogenproblemen leiden an einem Mangel an Selbstachtung.
Wichtig ist, daß Erwachsene in ihrem Handeln mit ihren Worten übereinstimmen. Ein Erziehungsstil, in dem Eltern Forderungen stellen, die sie selber nicht einhalten, verunsichert Kinder zutiefst.
Häufig sind Eltern mit einem schwierigen Kind überfordert. Sie brauchen fachlichen Rat, der leicht zugänglich sein sollte und den sie ohne Scheu in Anspruch nehmen können müßten. Bei Beratungen stellt sich oft heraus, daß das Kind nur der „Symptomträger" ist und die wahren Probleme anderswo liegen.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







