Der britische Geistliche Thomas Robert Malthus beschwor vor 200 Jahren einen Teufelskreis aus Bevölkerungswachstum und Verelendung. Wird seine Schreckensvision heute Wirklichkeit? Lob der Enthaltsamkeit

Von Wolfgang Zank

Kaum ein Ökonom wurde im Laufe der Zeiten so gegensätzlich beurteilt wie Thomas Robert Malthus. Für Karl Marx war dessen Erstwerk „nichts als ein schülerhaft oberflächliches und pfäffisch verdeklamiertes Plagiat". Der englische Ökonom John Maynard Keynes urteilte dagegen: „Wenn nur Malthus anstelle vpn Ricardo der Hauptstamm gewesen wäre, von dem sich die Ökonomie des 19. Jahrhunderts entwikkelt hätte, um wieviel weiser und reicher wäre die Welt heute!" Vor allem Malthus düstere Bevölkerungsprognosen sind in der Dritten Welt aktueller denn je.

Thomas Robert Malthus wurde am 13. Februar 1766 als Sohn eines wohlhabenden Juristen und glühenden Verehrers der Aufklärung geboren. Schon früh war klar, daß Thomas Robert Geistlicher werden sollte. 1784 begann er sein breitangelegtes Studium am Jesus College in Cambridge. Die Examen bestand Malthus 1788 mit Glanz; kurz darauf wurde er ordiniert. Dank familiärer Beziehungen erhielt er eine Stelle als Hilfsgeistlicher in der Grafschaft Surrey, südwestlich von London, ganz in der Nähe des Hauses seiner Eltern, bei denen er noch viele Jahre wohnte. Die Pflichten eines Hilfsgeistlichen waren überschaubar. Wenn es mal etwas zu tun gab, dann waren es meistens Taufen. In den Nachbargemeinden verhielt es sich ähnhch. Kein Zweifel, die Bevölkerung Großbritanniens wuchs rasch. Bevölkerungswachstum schuf Armut, denn die vielen neuen Menschen waren kaum zu ernähren und zu kleiden. Dies betraf die Familie Malthus ganz direkt: Die englischen Armengesetze machten es den wohlhabenden Mitgliedern jeder Gemeinde zur Pflicht, ihren armen Mitmenschen finanziell unter die Arme zu greffen t ; j 11 Gegenüber aufklärerischem Gedankengut wurde Malthus immer skeptischer. Angeregt durch Diskussionen mitseinem Vater, begann der junge Ökonom seine; Überlegungen niederzuschreiben. Im Jahre 1198 erschien die Schrift unter dem Titel „An Essy on the Principle of Population". Prägnant geschrieben, nüchtern und mathematisch argumentierend, aufwühlend in seinen Schlußfolgerungen, machte das Buch seinen Autor rasch berühmt.

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Die Bevölkerung wächst, wie Malthus darlegte, in geometrischer Progression, also wie l, 2, 4, 8, 16. Bei ungebremster Vermehrung würde sich die Menschheit etwa alle 25 Jahre verdoppeln. Hier kann die Nahrungsmittelproduktion unmöglich mithalten. Mehr Menschen bedeuten zwar auch mehr Arbeitskräfte, aber doppelt so viele Erntehelfer sorgen nicht für eine Verdoppelung der Ernten. Kultivierbares Ackerland ist begrenzt, und auf begrenzter Fläche ruft zusätzlicher Arbeitseinsatz immer kleinere Produktionszuwächse hervor. Die Nahrungsmittelproduktion steigt damit nur in arithmetischer Progression, also wie l, 2, 3, 4, 5.

Hungerkatastrophen oder Epidemien würden daher die Bevölkerung immer wieder auf das Maß der Lebensmittelproduktion herabzwingen. Derartige positive checks würden vor allem die ärmeren Gesellschaftsklassen dezimieren. In den besseren Kreisen trügen vornehmlich preventive checks wie sexuelle Enthaltsamkeit und späte Eheschließung dazu bei, die Kinderzahl zu begrenzen. Hoffnungen auf grundsätzliche Verbesserungen seien vergeblich, es gebe nur zyklische Bewegungen zwischen Zeiten leichter Verbesserungen und wiederkehrenden Verschlechterungen. Wenn sich nämlich eine Zeitlang die Wirtschaftslage bessere, dann steige auch sogleich wieder die Bevölkerung, und das Elend nehme wieder zu.

sklärerischen Reformideen nicht funktionieren. Angenommen, man verteile Landbesitz und Einkommen gleicher, dann würde zwar das Los 4er Armen zunächst verbessert. Doch sofort begämne das Bevölkerungsprinzip wieder unbarmherzig! zu wirken. Elend, scharfe Konkurrenz untereinander und in der Folge wieder ungleiche Einkomme;nsverteilung wäre das Ergebnis.

Die englischen Armengesetze verführten die Armen dazu, viele Kinder in die Welt zu setzen, die sie nicht ernähren könnten. Die Armengesetze produzierten damit genau die Armut, die sie lindern sollten. Außerdem machten sie die Armen passiv. Es sei also insgesamt gesehen gerade für die Armen am besten, wenn man die Armengesetze abschaffen würde (und Malthus Familie von den entsprechenden Zahlungsanforderungen verschonte).

Malthus hatte seinen „Essay" allerdings weitgehend im statistischen Nebel geschrieben. Beispielsweise gab es die erste systematische englische Volkszählung erst drei Jahre nach seinem Erscheinen. Vorhandene Literatur hatte Malthus nur in geringem Umfang ausgewertet. Nach Abschluß der ersten Auflage ging er nun daran, umfangreiches statistisches Material zu sammeln, Fachliteratur zu lesen und Studienreisen zu unternehmen. 1803 erschien die zweite Auflage, ein Buch mit etwa dem fünffachen Umfang des ersten. Die von Malthus verarbeitete Materialmenge beeindruckt noch heute. Sie sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß er zuerst in seinem Studierzimmer auf dem Lande, fernab von allen Bibliotheken und Statistiken, seine ehernen Gesetze geometrischer und arithmetischer Reihen entwarf und erst dann dazu die passenden Fakten sammelte.

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