Luchs 82

Fangen wir mit dem Ende an: Dieses Buch sollte niemand unter zwölf lesen. Dieses Buch ist in einem Verlag für Erwachsene erschienen, bei dtv, nicht bei dtv junior. Dieses Buch hilft keinem, ist pädagogisch nutzlos, und eine Zielgruppe, der es zu empfehlen wäre, ist kaum auszumachen. Leser, die sich damit ausgegrenzt fühlen, dürfen jetzt abbrechen und sich einem anderen Text zuwenden.

Rebecca Stowes Roman (Roman?) „Bloß ein böses Mädchen" beginnt mit folgenden Sätzen: „Ein Mann, antwortete ich, als Miss Nolan mich fragte, was ich einmal werden wollte, wenn ich groß wäre. Die Bridge Damen kreischten wie ein Schwärm aufgeplusterter kleiner Vögel. Sie ist verrückt", meinte Großmutter und schnalzte mit der Zunge Es könnte eine jener witzigen, schnoddrigen Geschichten aus den USA sein, von einem unangepaßten zwölfjährigen Mädchen, das seine Familie in die Verzweiflung treibt, weil es scharfäugig und klug die Realität sieht und nicht so will, wie sie alle möchten: ihr Vater, der Süßigkeitenfabrikant Pittsfield, der immer ein „Zutritt verboten" Schild an seine Arbeitszimmertür hängt, um dann heimlich mit seinen Zinnsoldaten zu spielen; ihre Mutter, die es nur gut meint, die den Familienfrieden herbeizulächeln versucht und sich im übrigen schuldig fühlt; ihre Großmutter, die dieses „Wenn doch nur dies wenn doch nurdas" Gefühl wie Parfüm im Haus verströmt und Maggie Pittsfield - unsere Erzählerin - als böse, schlecht und pervers beschimpft.

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Es ist eine jener Geschichten sensibel und sarkastisch erzählt - und ebenso übersetzt , in jenem Holden Caulfield Ton, der die verletzte Psyche hinter bitterer Aggressivität versteckt. Maggie fühlt sich ungeliebt, abgelehnt, mißverstanden von ihren Eltern, ihren Geschwistern, ihren Freunden und Freundinnen, sie zieht sich zurück, bis sie allein ist, schuldig, weil nicht so glücklich, wie sie es eigentlich sein müßte.

Doch so unmerklich der Leser voll wachsender Sympathie in die Rolle des Mädchens schlüpft, so gleichmäßig irritieren die unauffällig eingestreuten Anzeichen einer Verwirrung. Ein „Vorfall" wird immer wieder erwähnt, jener Vorfall, der dazu führte, daß Maggie zur Strafe die Sormnerschule besuchen muß „Der Perverse" beherrscht die Spiele und Phantasien der Mädchen, wenn sie nach der Schule durch den Wald streifen. Maggies Abneigung gegen das Klicketiklick der Stricknadeln ihrer Mutter steigert sich zur Phobie gegen alles Spitze. Unschuldige, süße Babies erzeugen in ihr Abscheu und Widerwillen. Seite um Seite wird das Fundament dieses Buches brüchiger und rissiger, während an der Oberfläche die Großmutter weiter ihr „böses Mädchen" keift.

Rebecca Stowe seziert ihre Personen wie unter einem Mikroskop. So genau wollte man eigentlich nicht hinsehen, oft blinzelt man, gewöhnt sich schließüch daran, bis ein weiterer Schnitt erfolgt. Sollten die sechs Personen in den Schubladen der „Kommode Maggie" auf eine multiple Persönlichkeit hindeuten, ioder sind sie nur literarische Dialogpartner im großen, einsamen Monolog Maggies? Wollte der Lehrer mit den aufreizend engen Hosen sich wirklich an Maggie vergreifen, oder entsprang das alles nur ihrer Phantasie? Was passierte damals mit den Stricknadeln auf jener kratzigen, braunen Couch?

„Not the End of the World" - wie das Buch im Original heißt - erweist sich als witziger, als beunruhigender Roman, der bis zum Schluß in der Schwebe bleibt, der diesen Hauch von Diffusem bewahrt, der offen läßt, was man doch zu wissen meint. Man kann ihn als Jugendbuch lesen: über ein Mädchen, das aus seiner Haut schlüpfen möchte, einen neuen Anfang sucht, den es nicht gibt, das mit jeder Verletzung, die es anderen zufügt, sich selbst schützt und zugleich verletzt. Und doch kann man diese Geschichte niemandem auf den Geburtstagstisch legen oder unter den Weihnachtsbaum. Sie ist von jener Art - und auch darin dem „Fänger im Roggen" schwesterlich verbunden , die jeder für sich entdecken muß. Heimlich. Wie der Blick in einen Spiegel, der ein fremdes und vertrautes Gesicht zurückwirft. Konrad Heidkamp Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993; 167 S, 9 90 DM LUCHS 82 wurde von Ute Blaich, Jo Pestum, Barbara Scharioth und Konrad Heidkamp ausgewählt. Am 12. Juli, 15 05 Uhr, stellt Radio Bremen 2 seinen Hörern den Roman vor (Redaktion: Marion Gerhard)

 
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