Zwei Geschichten - ein Roman Oben kann dir keiner was

In Hitchcocks „Vertigo" spielt James Stewart einen Polizeibeamten, der seinen Dienst quittieren muß - wegen Akrophobie, Höhenangst. Hitchcock haderte später mit der berühmten Turmszene, die Erzählung habe da eigentlich ein Loch, denn: „Wie konnte der Mann, der Ehemann, der seine Frau vom Turm runtergeworfen hat, sicher sein, daß James Stewart auch bestimmt nicht die Treppe hinaufging? Nur wegen des Schwindelgefühls? Darauf war doch kein unbedingter Verlaß "

Nun ja, wenn da ein Loch war, dann war seine Umrandung viel zu spannend, als daß wir es bemerkt hätten. Aber der Meister hat recht, Momente gibts, da überwindet einer seine Höhenangst. Uwe Michael Gutzschhahn hat aus diesem Motiv eine faszinierende Schlußsequenz für seinen Roman „Der Sog" geschrieben. Micki, Hauptfigur des Romans, hochgradig akrophob und überhaupt alles andere als ein Hansdampf, erstürmt in einem befreienden, furiosen Endspurt die Treppenstufen eines ekelhaft hohen Turmes, oben steht Andi, einsam, verzweifelt, der Außenseiter, auf dem sie alle herumgehackt haben, und will sich, ein Bein schon auf der Balustrade, in die Tiefe stürzen.

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Fast unauffällig und erzählökonomisch versiert hat Gutzschhahn bis zu dieser Sequenz suspenseEffekte aufgetürmt. So wirkt der dramatische Schluß seines Romans ganz und gar nicht aufgesetzt. Der Sog, das ist am Ende nicht nur der Horrortrip des Akrophoben, sondern ebenso ein kategorischer Sirenengesang in Mickis Ohren: Du mußt ihm jetzt helfen!

Zwei Geschichten verschachtelt der Roman. Die eine erzählt von Micki und seinen Schulfreunden, die andere berichtet von Mickis Zeit in einem Ferienheim in den Bergen. Eine Geschichte spiegelt sich in der anderen, korrespondiert mit ihr. Beide Geschichten handeln von der Überwindung einer Hackordnung, die Heimleiter Charly unbewußt auf den Nenner bringt, als er Micki die doppelstöckigen Betten zeigt: „Oben kann dir keiner was. Unten bist du die Ratte "

Das wechselweise Erzählen zweier Geschichten ist freilich auch eine augenzwinkernde Stichelei des Lesers, der unablässig Spannungsbögen ersteigt, die dann mit dem Sprung in die andere Geschichte flugs wieder verlassen werden. Aber das entspringt nicht unmotiviertem Hüpfdrang, sondern kalkulierter Erzähllust. So wie bei Hotte, der Micki im Ferienheim zu seinem Freund und Zuhörer erwählt. Hotte steigt auf jedes Thema ein, auch auf Höhenangst. Da erzählt er liebevoll von Hochhausskeletten, prahlt von Baikonen ohne Brüstung und erklärt seinem kreidebleich gebannten Zuhörer unbekümmert: „Geschichten sind mein Hobby, verstehst du?"

Thienemanns Verlag, Stuttgart 1993 19 80

 
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