Billige Arzneimittel wirken nicht immer wie gewohnt Oft stimmt nur der Name
Mit einer neuen Zauberformel dämpfen jetzt die Ärzte die Kosten im Gesundheitswesen: aut simile, zu deutsch: ein ähnliches tut es auch. Steht dieser Hinweis auf dem Rezept, ist der Apotheker neuerdings verpflichtet, preisgünstige Generika anstelle des Originalpräparats auszuhändigen. Fehlt dieser Satz, dann muß er ein namensgleiches, billigeres, importiertes Medikament abgeben. Original ist oft dabei nur der Wirkstoff, aber eben nicht die therapeutische Wirksamkeit. Daß hier zum Schaden der Patienten am falschen Ende gespart wird, haben jetzt zwei Pharmazeuten nachgewiesen. Doch was tut die Branche? Anstatt wirkungsschwache Präparate vom Markt zu nehmen, wählt der Verband der Arzneimittelimporteure den einfachsten Weg: Er hat eine einstweilige Verfügung beantragt, um den beiden Experten ihre Behauptung zu verbieten.
Dabei scheint die Zuflucht zu Billigpräparaten auf den ersten Blick so einleuchtend: Wirkstoff ist schließlich Wirkstoff. Das dachten jedenfalls die Krankenkassen und Gesundheitsminister Horst Seehofer und legten den Ärzten die Verschreibung sogenannter Nachahmerprodukte ans Herz. Ob der Import aus Bulgarien, Portugal oder sonst woher stammt, ist nebensächlich. Nur der Preis zählt im harten Kampf um die Kostensenkung. Und wenn Medikamente aus chemisch gleichem Wirkstoff auch wirklich zum gleichen Erfolg führen würden, dann gäbe es gegen diese Empfehlung eigentlich kaum ein vernünftiges Argument. Doch diese weitverbreitete Ansicht stimmt nicht. Denn das Präparat muß nicht nur geschluckt werden, sondern auch noch an sein Ziel gelangen. Auf seine „Bioverfügbarkeit" kommt es an. Wird der Wirkstoff zu rasch, zu langsam oder nur unvollständig freigesetzt, dann hilft er entweder gar nicht oder in der falschen Art und Weise. Nachahmer- oder Importprodukte haben daher außer dem Namen oft wenig gemein mit den deutschen Originalpräparaten.
Doch die Galenik, die Wissenschaft von der pharmazeutischen Zubereitung von Medikamenten, ist offenbar in Vergessenheit geraten. Die Pharmazieprofessoren Henning Blume und Volker Dinnendahl haben jetzt angesichts gravierender nachweisbarer Qualitätsunterschiede einiger Generika und importierter Originalmedikamente Alarm geschlagen. In häufig verordneten Nachahmerpräparaten wie Nifedipin, Glibenclamid oder Verapahaben manche Patienten auch schon gemerkt: Hochdruckkranke scheiden den Inhalt der Nifedikranke wundern sich, daß ihr Blutzucker auf Gliwirkt, daß sie in einen gefährlichen Zustand der Unterzuckerung geraten. Und Patienten mit Herzrasen warten oft vergeblich auf den beruhigenden Effekt von Verapamil.
Die dem Gesundheitsministerium unterstellte Zulassungsbehörde für Arzneimittel errichtet für Nachahmer oder Importeure jedoch keine Hürden. Und dem Bundesgesundheitsamt in Berlin genügt der Hinweis des Nachahmers oder Importeurs auf das Originalpräparat.
Sparen ist gut, aber nicht an der Qualität. Da gibt es aridere Möglichkeiten. Immerhin werden in Deutschland gigantische Mengen von Arzneimitteln mit fehlender oder zweifelhafter Wirkung verordnet. Sieben Milliarden Mark zahlen dafür die gesetzlichen Krankenkassen und finanzieren teilweise den größten Unsinn, weil die Patienten es so wollen und die Krankenkassen untereinander in erbitterter Konkurrenz stehen.
Der Bundesgesundheitsminister und der zuständige Ausschuß „Ärzte und Krankenkassen" sollten sich schleunigst entschließen, jene Medikamente aus dem gedeckelten Budget zu entfernen, die so überflüssig wie ein Kröpf sind - auch wenn eine Lobby hochgestellter Persönlichkeiten auf diese Präparate um keinen Preis verzichten will.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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