Ostdeutschland: Bei der Treuhandanstalt werden immer mehr Betrügereien durch Mitarbeiter und zwielichtige Investoren aufgedeckt Preis der Eile
Von Ralf Neubauer
Als Sanjay Dalmia im Herbst 1991 die Thüringische Faser AG in Schwarza übernahm, feierte ihn die Belegschaft noch als den langersehnten Retter „Manchmal kommt über Nacht ein Glücksfall", freute sich der Vorstandschef des Exkombinats, Gunter Schmidt. Bis zum Einstieg des indischen Großindustriellen galt die Faser AG als hoffnungsloser Fall. Die Krise in der europäischen Chemiefaserindustrie ließ mögliche Investoren vor einem Engagement zurückschrecken. Sanjay Dalmia und sein Bruder Anurag schienen da aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie waren offenbar fest entschlossen, von Thüringen aus den schwierigen EG Markt zu erobern.
So viel unternehmerischer Wagemut imponierte selbst Helmut Kohl. Die Investition der Dalmias stelle einen „Markstein der neuen deutsch indischen Wirtschaftsbeziehungen" dar, erklärte der Bundeskanzler noch im Februar. Inzwischen hatten die Inder einen weiteren Treuhand Betrieb gekauft, die Sächsische Kunstseiden GmbH in Pirna. Und der Erwerb eines dritten Ex- i HB.
VEB, der Zellstoff- und Papierfabrik Rostentahl, schien so gut wie perfekt.
Heute, gut vier Monate später, ist die Begeisterung in maßlose Enttäuschung umgeschlagen.
Die Kunstseiden GmbH befindet sich im Kon- """"" kurs. Den Verkauf der Zellstoff- und Papierfabrik hat die Treuhand kurzerhand storniert. Am Mittwoch vergangener Woche ging sogar die Berliner Polizei gegen die Dalmias vor. Sie nahm die Brüder wegen des „dringenden Tatverdachts der Untreue und des Betrugs" fest. Der Hintergrund: Aus Investitionshilfen, die die Treuhandanstalt der Faser AG gewährte, hatten die Inder neun Millionen Mark auf ein Festgeldkonto im malaysischen Kuala Lumpur transferiert. Schon nach 24 Stunden waren die Inder allerdings wieder auf freiem Fuß. Anders als die Polizei, die die Dalmias ohne Haftbefehl festgesetzt hatte, sah der Staatsanwalt lediglich einen „vagen Anfangsverdacht".
Die Festnahme der prominenten Inder ist kein Einzelfall. Allein in der vergangenen Woche zogen die StrafVerfolgePzWei Weitere öfoiinvestoren aus dem Verfehl: De Cföpplnger Unternehmer Wolfgang Greiner und der Münchner Rechtsanwalt Norbert Hoess kamen in Untersuchungshaft. Beide hatten sich bei der TreuhandNiederlassung Halle im großen Stil mit Firmen eingedeckt. Ihnen werden jetzt „Untreue und Betrug" (Greiner) beziehungsweise „Betrug und Erpressung" (Hoess) vorgeworfen. Damit nicht genug: Bereits in der vorletzten Woche war der Mannheimer Unternehmer Peter Hartmann, der von der Treuhand Niederlassung Neubrandenburg drei Unternehmen erworben hatte, wegen ähnlicher Verdachtsmomente verhaftet worden. Die Verhaftungsserie rückt nicht nur die beschuldigten Investoren ins Zwielicht, auch die Privatisierungspraxis der Treuhandanstalt gerät erneut in die Kritik. Die Anstalt müsse nunmehr „ihrem hohen Privatisierungstempo Tribut zollen", meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ebenso sieht es Herbert Berteit vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH): „Wenn man sich unter Zeitdruck setzt, passieren eben Fehler Und Dieter Scholz, Treuhand Experte der IG Metall, befürchtet, daß sich Privatisierungspleiten mit kriminellem Hintergrund „künftig häufen werden".
Auch Uwe Schmidt, Referatsleiter bei der Zentralen Ermittlungsgruppe Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) in Berlin, mag das nicht ausschließen. Er arbeitet bereits an einer „größeren Zahl von Fällen", in denen Inve;stören ehemalige Treuhand Betriebe ausgenommen haben. Daß sie gerade jetzt ans Tageslicht kommen, ist laut Schmidt kein Zufall. Unternehmen, die 1991 privatisiert und 1992 ausgenommen worden seien, gerieten nunmehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten: „Das stellt sich oftmals erst heraus, wenn die Beschäftigten vor der Treuhand demonstrieren "
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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