Weltwirtschaftsgipfel: Osteuropas Meiler sollten schnellstens abgeschaltet werden - eine Studie Riskantes Zaudern
Von Fritz Vorholz
Wäre die wirtschaftliche Vernunft die Maxime ihres Handelns, dann müßten die Regierungschefs der sieben mächtigsten Industrienationen bei ihrem bevorstehenden Treffen in Japan einen Beschluß revidieren, den sie vor einem Jahr beim Weltwirtschaftsgipfel in München faßten: die nukleare Hinterlassenschaft der ehemals kommunistischen Länder in Gestalt der 25 gefährlichsten Atomreaktoren mit westlichem Know how und mit westlichem Geld zu „ertüchtigen". Doch nun haben die Weltbank, die Internationale Energieagentur (IEA) und die Osteuropa Bank (EBRD) den Staatslenkern ins Stammbuch geschrieben, daß diese Art der Geldverwendung schlicht Geldverschwendung wäre: Erstens, weil das Risiko eines erneuten Tschernobyl auch mit milliardenschweren Nachrüstungsinvestitionen kaum zu verringern wäre; zweitens, weil es billigere Möglichkeiten gäbe, die Stromversorgung jenseits der Oder zu sichern - vor allem durch moderne konventionelle Kraftwerke. Was Atomkraftgegner noch vor einem Jahr vergeblich den Politikern nahezubringen versuchten, hat nun den Segen amtlich anerkannter Ökonomen: Schon Mitte der neunziger Jahre könnte die übelste atomare Bedrohung für den Planeten ein Ende haben. Schieres Glück bewahrte die Menschheit davor, daß nicht schon im vergangenen Jahr aus dem Störfall im Meiler von Sosnowij Bor bei St. Petersburg oder im April dieses Jahres aus der Explosion in der sibirischen Atomanlage Tomsk eine Katastrophe wurde.
Doch Russen und Armenier, Litauer und Bulgaren, Slowaken und Ukrainer können aus eigener Kraft die Bedrohung nicht abwenden: Ihnen fehlt das Geld. Deshalb werden die Zeitbomben vom Tschernobyl Typ (RBMK Reaktoren) und die selbst von Nuklearfreunden als „geordnete Schrotthaufen" bezeichneten WWER 440230 Reaktoren so lange in Betrieb bleiben, bis die reichen Industrieländer helfen.
Den Politikern des Westens scheint freilich bis heute der Ernst der Lage nicht bewußt zu sein. Vor einem Jahr zerstritten sie sich beim Weltwirtschaftsgipfel in München heillos, weil jeder seiner eigenen Atomlobby möglichst lukrative Nachrüstungsaufträge zuschanzen wollte. Und bis heute gibt es kein koordiniertes Programm gegen die Atomgefahr aus dem Osten. Obwohl sie den erbärmlichen Zustand der Meiler jenseits der Oder wortreich beklagen, offerieren die Atompolitiker das Geld ihrer Steuerzahler, um die Schrottreaktoren bis um das Jahr 2000 am Netz zu halten. Das ist russisches Roulette.
Damit nicht genug. Weil sämtliche Industrieländer mit einer schweren Wirtschafts- und Budgetkrise konfrontiert sind, ist effizientes Haushaltsgebaren das Gebot der Stunde. Doch nach der nun bekanntgewordenen Studie von Weltbank, IEA und EBRD ist der schnelle Ausstieg aus den gefährlichsten Reaktoren mit geringeren Investitionskosten verbunden als der mittelfristige Ausstieg bis zum Jahr 2000. Welcher Bürger im Westen soll verstehen, daß ihm mit dem Hinweise auf die prekäre Haushaltslage mehr Steuern abverlangt und öffentliche Leistungen gekürzt werden, während für ein dubioses Ost Atomprogramm das Geld zum Fenster hinausgeworfen wird? Denn selbst wenn eine schnelle Stillegung der Atommeiler höhere Brennstoffkosten für die dann neu zu errichtenden Gaskraftwerke verursacht, spricht die Ökonomie für den raschen Ausstieg. Was rechtfertigt Milliarden für die nukleare Nachrüstung, wenn ein Ertrag dieser Investition in Form wirklich verminderter Atomrisiken nicht zu erwarten ist? Allein das Fehlen jeglicher Sicherheitskultur im Osten entzieht dieser Hoffnung jede Berechtigung.
So bliebe nur ein Hindernis, das dem raschen Abschied von den Atomruinen im Weg steht: der Widerstand des Nuklearestablishments im Osten. Doch es wäre geradezu kurios, wenn sich ausgerechnet in einer Überlebensfrage der Menschheit die Sturheit jener Verhandlungspartner durchsetzt, die sich vom militärisch industriellen Komplex ins russische Atomenergieministerium gerettet haben. Sie werden erst zur besseren Einsicht kommen, wenn sich bewahrheitet, was der Umweltberater des russischen Präsidenten befürchtet: ein großer Atomunfall noch in diesem Jahr.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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