Wenn Professoren sich neu bemänteln wollen Rückkehr zum Talar
Was fällt uns zu Talaren ein? Natürlich, der „Muff von tausend Jahren", so reimten einst die Achtundsechziger. Otto Meitinger, Präsident der Technischen Universität in München, hat andere Assoziationen. Zum Jubiläum der TU holten er und seine Kollegen „erstmals seit langer Zeit" und „mit Stolz", wie Meitinger betonte, die reichgeschmückten Umhänge und phantasievollen Hüte wieder aus dem Schrank, klopften sie aus und legten sie an. Gute Traditionen will er damit neu beleben, nicht die Asche bewahren, sondern die Flamme.
Da liegt er im Zeitgeist. Die seelenlose, bürokratische Massenuniversität macht weder Lehrenden noch Lernenden Spaß. Ob es vielleicht ein bißchen heimeliger wird, wenn die Profs ab und zu in ihren schwarzen, roten, grünen oder blauen Talaren feierlich umherziehen? Ein bißchen mehr Wir Gefühl auch an der Uni? Wehns der Wissenschaft dient, könnte man in Anlehnung an 68 elegisch sagen.
Von Staats wegen und nüchtern betrachtet sieht die Lage allerdings anders aus. Für die Hochschulen gibt es immer weniger Geld und immer mehr Studenten. Der Bund will sich aus dem Hochschulausbau zurückziehen, der Kanzler vertagt den Bildungsgipfel auf den Sankt NimmerleinsTag, der Anteil der staatlichen Grundmittel wird gegenüber den Drittmitteln immer kleiner. Daher folgender Kompromißvorschlag: Die Hochschulgewaltigen dürfen wieder in Talaren herumlaufen, wann es ihnen paßt - aber nur dann, wenn sie eine Hochschulreform über die Bühne gebracht haben, die diesen Namen wirklich verdient. Bis dahin tun es Sack und Asche auch. G. K.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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