Das Theater tanzt, das Theater stirbt. Und die Politik läuft Amok Schiller - Tod in Berlin

Von Benjamin Henrichs

Theater in Deutschland, zwei Spektakel. Das eine ereignet sich im glücklichen München, das andere im geplagten Berlin. Das eine ist ein kosmopolitisches Festspiel, das andere ein tiefdeutsches Trauerspiel.

Zwei Wochen lang beging man in München das Festival „Theater der Welt 93" (ein Bericht dazu auf Seite 45 dieser Ausgabe). Mit Staunen erlebte der Besucher, wie die steinalte, die immer wieder totgesagte Theaterkunst eine Stadt in ihren Bann zog. Wie die Leute ihre gemütlichen Fernsehabende und ihre urigen Grillpartys vergaßen und in die Stadt, in die Theaterhäuser strömten. Wie sich an den Theaterkassen herzzerreißende Szenen abspielten: Ein Königreich für eine Karte! So lebte man glücklich dahin, Illyrien lag am Ufer der Isar.

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Dann kam die Nachricht aus Berlin. Der Senat der deutschen Hauptstadt hatte beschlossen, das größte Schauspielhaus der Metropole (das Schiller Theater samt Schloßpark Theater und Werkstatt) zu schließen - nicht irgendwann, eines Tags in der Zukunft, sondern sofort. An diesem Sonntag, ausgerechnet nach einer Aufführung von „Hase Hase", soll der letzte Vorhang fallen. Theateraufruhr nun auch in Berlin. Das vom Tode bedrohte Haus mit Trauerfahnen verhängt. Betriebsversammlungen und Protestmärsche zuhauf. Flammende Appelle und markige Solidaritätsbekundungen aus der ganzen deutschen Theaterrepublik. Seit dem 22. Juni ist das SchillerTheater nicht nur das größte und teuerste, sondern auch das wichtigste deutsche Theater. Als es noch, scheinbar unbedroht, lebte und spielte, hat es diesen Spitzenrang niemals erreicht. Kämpfte vielmehr immer gegen den Abstieg. Traurige Pointe: Erst mit seinem Sterben provoziert das Schiller Theater dramatische Gefühle, Szenen von Leidenschaft und tosen- mBM dem Leben.

Ein Theaterfest in München. Ein Theatertod in Berlin. Die Nachrichten sind widersprüchlich - und unsere Gefühle dazu auch. Die erste Reaktion ist sentimental: Das Schiller Theater zu schließen, das darf nicht sein! Die zweite Reaktion ist kaltschnäuzig: Das Schiller Theater zu schließen, das mußte sein. Die Situation ist verwirrend, die Wetterlage schwierig. Der Wind weht aus Süd Nord, wie es in Büchners „Woyzeck" heißt.

Für jedes Phänomen auf der Welt (jedenfalls wenn man es von dieser Stelle der Zeitung aus betrachtet) gibt es drei mögliche Erklärungen. So auch für den Untergang des Hauses Schiller. Da ist, erstens, die Mordtheorie. Folgt man ihr, ist die Berliner Entscheidung ein brutaler, sinnloser Gewaltakt. Der Anfang vom Ende des in aller Welt bewunderten deutschen Subventionstheäters (denn natürlich findet jedes Verbrechen schnell Nachahmungstäter). Und weil es eine bürgerliche Regierung ist, die den Anschlag verübt aufs Theater, also auf das Herzstück der bürgerlichen Kultur, ist der Mord von Berlin auch ein selbstmörderischer Akt.

Aber das Geld? Aber die Sparzwänge? Kann man jedes Stahlwerk abwickeln, ein Theater aber niemals? Tatsächlich wirken die finanziellen Argumente für den obrigkeitlichen Gewaltakt nicht besonders überzeugend. Solange sich Berlin beispielsweise mit devotem Eifer um das Kommerzund Anabolika Spektakel namens Olympische Spiele schwitzend bemüht. Solange die Regierenden Großmannsträume von Regierungspalästen träumen. Solange man allen Ernstes die leicht gespenstische Idee verfolgt, das gesprengte Berliner Stadtschloß als Spukschloß wiederaufzubauen. Also ein Mord. Kein guter Mord, kein schöner Mord.

Doch da gibt es, zweitens, die Dinosauriertheorie. Folgt man ihr, muß das Schiller Theater sterben, weil es zum Leben schon lange nicht mehr fähig war. Diese Theorie hat ein einziges, allerdings erschlagendes Argument: die zumeist traurigen künstlerischen Darbietungen des Hauses seit mehr als zwei Jahrzehnten.

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