Serbische Avantgarde Schwarze Fahnen
Nicht die uns umgebende Welt, nicht die Natur, sondern den schöpferischen Menschen selbst ernannte die Avantgarde zum Maßstab aller Kunst. Expressionismus, Surrealismus, Dadaismus hießen die Kunstrichtungen zwischen den beiden Weltkriegen. Man weiß auch noch um den italienischen Futurismus und den russischen Konstruktivismus. Aber was, um Himmels willen, ist der Zenitismus? Und was die serbische Avantgarde?
Dies ausgeleuchtet zu haben ist das große Verdienst eines eher unansehnlichen Taschenbuches, das jedoch einen Schatz an Prosatexten, Gedichten, Zeichnungen, Manifesten sowie einen Kurzroman enthält. Die kommentierenden Texte des Herausgebers (und überdies auch exzellenten Übersetzers) Holger Siegel mit aufschlußreichen Hinweisen auf die historischen Zusammenhänge auf dem Balkan erscheinen dabei besonders wertvoll.
Die avantgardistischen Kunstbewegungen Anfang des Jahrhunderts waren zwar eine gesamteuropäische Entwicklung, doch gab es auch nationalspezifische Unterschiede. So begriff sich der serbische Expressionismus in erster Linie als eine Loslösung vom russischen Realismus und der französischen Moderne. In dem nach dem Ersten Weltkrieg neuentstandenen unabhängigen Staat wuchs die Neigung, Westeuropa und den Balkan als zwei miteinander unvereinbare Kulturwerte zu definieren. Die serbischen Expressionisten, die sich auch gegen eine entmenschlichende Urbanisierung sträubten, wählten - ganz im Sinne der Avantgarde - die Flucht aus der Wirklichkeit als ihre Ausdrucksform. Zwei von ihnen werden zu Weltruhm gelangen: Miloä Crnjanski und der spätere Nobelpreisträger Ivo Andric", Die Dada Bewegung hatte einen einzigen Protagonisten: Dragan Aleksid Er knüpfte enge Kontakte zu deutschen und russischen Künstlern: zu Raoul Hausmann, Wladimir Tatlin und Wladimir Majakowski] und insbesondere zu seinem Vorbild Kurt Schwitters. Dragan Aleksic schrieb sogar Gedichte in deutscher Sprache. Das war ungewöhnlich für die eindeutig französisch orientierte Belgrader Kunstszene.
Geradezu wie eine Romanze inniger serbischfranzösischer Freundschaft mutet indes die Geschichte des serbischen Surrealismus an. Als Halbwüchsige aus dem serbischen Kriegsgebiet evakuiert, schlössen sich Dusan Mati6, Aleksandar Vuöo, Milan Dedinac und Marko Ristic (dessen farbige Collagen diese Sammlung bereichern) in Paris den Surrealisten an und pflegten auch später, nach der Rückkehr in ihre Heimat, regen Austausch mit Breton, Eluard, Aragon.
Die einzige völlig eigenständige Bewegung innerhalb der serbischen Avantgarde war der Zenitismus. Unter ihrem Führer Ljubomir Micic propagierten die Zenitisten eine balkanische Kultur. Das Heil, glaubten sie, sei im Osten zu suchen, die Quellen der Ursprünglichkeit auf dem Balkan, genauer in Serbien. Dem faulen Westen und dem verkommenen Europa setzte man das „balkanische Barbarentum" entgegen, wobei das Barbarentum freilich positiv zu verstehen war. So rief Micic" 1925 in einem Manifest aus: „Hurraaaa Barbaren! Hurraaaa Zenitisten! Wir brüllen aus einer uralten Wiege der Kultur. Wir vom Balkan brüllen: Antikultur!. Antieuropa! "
Man sollte nicht der Versuchung erliegen, in solch rabiaten antiwestlichen Tiraden Interpretationshilfen zum Verständnis der aktuellen serbischen Politik zu suchen. Vollmundige Manifeste ähnlich den pompösen politischen Reden der präfaschistischen Epoche waren eine Zeiterscheinung, eine Attitüde. Derselbe arrogante Micid war doch gleichzeitig bemüht, alle bedeutenden europäischen Künstler jener Zeit in seiner Zeitschrift und George Grosz, Robert Delaunay, Ilja Ehrenburg und El Lissitzky zur Mitarbeit. Mit Wassily Kandinsky tauschte er Briefe aus - auf deutsch! Von einer dünkelhaften Einigelung, wie sie lautstark propagiert wurde, also kein Spur.
Die sich berserkerhaft gebärdenden Zenitisten waren gewiß, wie nahezu alle europäischen Avantgardekünstler, subversiv, rebellisch und antikonventionell, aber nicht weniger für die europäischen Strömungen aufgeschlossen, nicht weniger weltgewandt und kommunikativ als die übrigen Vertreter der serbischen Avantgarde. Aus einem Manifest des Zenitisten Ljubomir Micic stammt übrigens der Vers, der dieser Anthologie ihren wunderschönen Titel gab und der im Kontext lautet:
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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