Simple Helden, unechte Schurken
Kann das wahr sein? Doktor S. Gorakshakar bestreitet rundheraus, daß es einen Riß durch die indische Gesellschaft gebe. Die Gefahr eines Bürgerkrieges gar? Unsinn; für einen Bürgerkrieg bedürfe es zweier Pole, aber Indien sei schlicht nicht polarisiert. Atcha, ach so. i Anfang Dezember vorigen Jahres zerstörten fanatische Hindus die Babri Moschee in Ayodhya. Kurz darauf brachen überall im Lande Aufstände aus, communal rlots, wie Indiens englischsprachige Zeitungen sie nannten. Hindus fielen über Muslime her, und umgekehrt machten Muslime Hindus nieder. Ein Religionskrieg. Nach Ayodhya wurde ausgerechnet Bombay, die Metropole am Arabischen Meer, in der rund ein Drittel des gesamten indischen Steueraufkommens erwirtschaftet wird und über die es heißt, in ihr kenne keiner Freunde oder Feinde, nur Interessen, nach Ayodhya wurde just dieses Bombay zum Inferno, die Stadt, die von früheren muslimisch hinduistischen Zwisten stets verschont geblieben war.
Und kein Ende. Am 12. März erschütterte eine Serie von Bombenanschlägen diese „City of Gold".
Dreizehn Explosionen, manche mittels Zeitzünder, manche mittels Fernzündung, innerhalb von zwei Stunden - ein schwarzer Freitag. Gerade war die Stadt zu einer Art Normalität zurückgekehrt, die Ausgangssperre aufgehoben, der Ramadan friedlich begonnen und das überschwengliche hinduistische Holi Fest ohne Zwischenfall beendet. Doktor Gorakshakar ist kein Soziologe und auch kein Polizist. Er muß nicht die Seelenlage von Bombays zehn Millionen Einwohnern kennen. Aber doch beurteilt er die Stimmung: „Das soziale Gewebe ist nicht gerissen Gorakshakar ist Direktor des kulturgeschichtlichen Prince of Wales Museum im Zentrum von Colaba, dem Geschäftsviertel der Stadt. Und sieht er nicht tagtäglich, daß mehr Muslime als zuvor das Museum besuchen, daß die Angehörigen dieser ethnischen Minderheit stolz ihre typischen Barte und Kappen tragen? Multikulturell. In den Hallen des Museums fänden sie historische Wurzeln. Wirklich keine Spannungen mehr? Der Museumsdirektor zupft - „Ich könnte selber Muslim sein" - an seinem weißen Bart: „Nein, sogar am Tag der Bombenanschläge schlössen wir unsere Pforten nicht die Vernunft wird walten "
Jenseits des Jeejeebhoy Tower, dem nach dem Attentat noch nicht wieder vollends reparierten Börsenhochhaus, steht das Bombay House, ein alter Handelssitz, für den ein Sieg der Vernunft überlebenswichtig ist. Der Tata Könzern residiert hier, Indiens traditionsreiches und bedeutendstes Industrieunternehmen. Stahl, Autobau, Lastwagen, Telekommunikation, Computertechnik, Hotels, Ölbohranlagen, Werkstoffe und Industrieroboter. Der indische Markt ist unermeßlich, nach jahrzehntelanger Protektion öffnet er sich jetzt : Tata ist Partner multinationaler Firmen wie Honeywell, AT & T, IBM, Daimler Benz und Silicon Graphics geworden. Religiöse Unruhen sind schlecht für die Geschäfte.
Eigentlich wäre J. J. Bhabha mit 78 Jahren schon ein wenig zu alt für das Spitzenmanagement. Aber er ist ein Cousin der Tatas, zudem ein Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden und wie die Tatas ein Parse, Mitglied einer westlich orientierten Religionsgruppe, deren Vorfahren - Anhänger Zarathustras - im 6. Jahrhundert aus Persien geflohen waren.
Bhabha philosophiert gerne. In einer grauen Tunikauniform sitzt er zwischen meterhohen Bücherstapeln und erzählt, wie es ihm am 12. März erging. Er präsidierte an jenem Tag mit dem Rükken zum Fenster einer Direktoriumssitzung, als ein „kolossaler „Knall" das Parkett erzittepi ließ und die Kandelaber in Schwingung brachte „Wir sind alle verwundbar Ihm geschah nichts. Aber draußen waren die Schreie Verletzter zu hören. „Trotzdem, so sprach Zarathustra, das Gute wird über das Schlechte triumphieren "
Und weniger philosophisch? Dreizehn Bombenanschläge in zwei Stunden, dahinter muß die „koordinierende Hand" einer „auswärtigen Macht" stecken. Aber: Wichtiger seien die „Lebenszyklen". Der Alltag sei doch schnell wieder eingekehrt.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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