Alles blickt auf Berlins Pappschloß - doch jetzt zieht Hamburg nach! Spannung der Moderne
Es war an einem Abend im Frühling des Jahres 845, als an den Ufern der Elbe unterhalb der Hammaburg und des sie umschmiegenden Ortes zirka sechshundert Wikingerboote festmachten, ausgesandt von dem Dänenkönig Horich. Eine Nacht und einen Tag und noch eine Nacht wütete das wilde Heer, und, wie der Chronist Rimbert nüchtern feststellt, „nachdem sie alles in Brand gesteckt und ausgeraubt hatten, fuhren sie wieder davon".
Eine Nacht und einen Tag und noch eine Nacht - und einer der bedeutendsten Profan- und Sakralbauten Deutschlands war nicht mehr. In Schutt und Asche versunken die weitberühmte Klosterfestung, die Bischof Ansgar erst wenige Jahre zuvor vollendet hatte; aus blankem ideologischen Haß dem Erdboden gleichgemacht der sagenhafte Mariendom; ein Raub der sinnlosen Verwüstung die wundervolle Bibliothek. Nichts als ein Haufen verkohlter Stämme blieb noch von jener überwältigenden Palisadenanlage, der „Akropolis aus Mitternacht", wie schon Zeitgenossen sie gerühmt haben sollen, die nördlich der Lüneburger Heide und südwestlich des Bredenbeker Teiches nicht ihresgleichen fand.
Jahrhunderte gingen seither ins Land, doch nie, niemals hat sich Hamburg je wieder von dieser fürchterlichen Barbarentat wirklich erholt, und was immer auch an Stelle von Ansgars Burg errichtet ward, die Stadtgestalt blieb verloren. Wer heute vom Hauptbahnhof die Mönckebergstraße hinuntergeht, spürt, wie sehr diese alte Mitte immer noch fehlt, wie sehr alles auf diesen festen Baukörper auch topographisch hinkomponiert wurde, wie so nichts, aber auch so gar nichts die Stadt in diesem Kernraum verortet, da, wo jetzt zwischen nichtigen Bürokisten und einer läppischen neugotischen Kirche nur ein öder Parkplatz gähnt. Nein, eintausendeinhundertundfünfzig Jahre Hamburger Stadtplanung haben nicht vermocht wiederherzustellen, was an Größe und Glanz in jenen 36 Stunden des Jahres 845 so leuchtend verlosch.
Doch jetzt, da Berlin den mutigen Schritt wagt und sein von den Ulbricht Barbaren geschleiftes Hohenzollernschloß wiedererrichtet - zunächst leider nur als Attrappe , da will auch Hamburg nicht länger beiseite stehen. Ein kleiner Kreis namhafter Verantwortungsträger aus Wirtschaft, Politik und Kultur ist entschlossen in die Offensive gegangen, und schon Anfang nächster Woche soll „Hammaburg 2000", das größte historische Wiederaufbäuprojekt der Hansegesdhicffi<C"der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wfn ;, Zwar wird es wie in Berlin so auch hier an ignoranter Kritik nicht mangeln, doch nach einem umfassenden Gutachten, das ganz im stillen bei herausragenden Baukörperkundlern in Auftrag gegeben wurde, ist der Wiederaufbau der Hammaburg völlig unproblematisch, zumal sich die ungefähre Lage eines nicht geringen Teils der Fundamente noch sehr genau rekonstruieren läßt. Und schließlich: Wurden nicht auch der Kreml in Moskau, der Alcäzar Toledos, die Nürnberger Burg immer wieder aufgebaut?
„Die Stadt als Stadt zu retten" (wie der bekannte Verleger Wolf Jobst Siedler sein begeisterndes Plädoyer für die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses einst begründete) - das gilt jetzt auch in Hamburg. Sicher, man wird Teile der City abreißen müssen, doch der Opferwille der Stadt ist enorm: Schon Tausende Hamburger haben spontan ihren Wunsch bekundet, Hammaburg Anleihen zu zeichnen, und die hiesige Niederlassung der renommierten Immobiliengruppe FDP (RDM) spendete bereits die erste Million. Ja, so öffnet sich auch für Hamburg das Tor zur Zukunft. Und mit Genugtuung dürfen wir hier im Pressehaus am Speersort (mitten im historischen Schicksalsraum) feststellen, daß mit dieser Entscheidung das neue Deutschland ein weiteres Mal vor der Geschichte seinen Austritt aus der Hülle der alten Bundesrepublik in die Spannung der Moderne bezeugt, eine Spannung, die es zweifelsohne auszuhalten gilt. Benedikt Erenz
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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