Therapie für Zappelphilipp
Von Jan Kutscher
Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?" heißt es in der Geschichte vom Zappelphilipp aus dem „Struwwelpeter" Autors Heinrich Hoffmann Mitte letzten Jahrhunderts Kinder in der Regel durch körperliche Züchtigung den Vorstellungen der Erwachsenen angepaßt wurden, rückten Ärzte in den sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts, zum Teil noch bis in die heutige Zeit hinein, „anormalen" Verhaltensweisen mit Medikamenten zu Leibe. Inzwischen wurden Prügelstock und Pillen durch psychotherapeutische Verfahren abgelöst.
Beständig wächst die Zahl der in Fachpublikationen als psychiatrisch auffällig oder psychotherapiebedürftig bezeichneten Kinder. Das passende Therapieangebot halten die psychosozialen Berufsgruppen auch gleich bereit, ob Mal, Wahrnehmungs, Tanz, Musik, Legasthenie, D;yskalkulie, Hippotherapie, psychomotorische oder Psychotherapie „Mit seiner diffusen Beschtaffenheit", hat der Bremer Soziologieprofessor Manfred Max Wambach erkannt, „eröffnet das Konzept der Auffälligkeit der Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Sonder, Heil- und Sozialpädagogik und so weiter immer neue Bereiche der Therapeutisierung und Verwissenschaftlichung " Auch sein Kollege Georg Hörmann, Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Bamberg, erkennt in unserer „Zeit ausufernder therapeutischer Herrschaft" die „tendenzielle Pathologisierung von Normalität". Die Folge: „Jedes Kind ist potentiell auffällig In den Angaben zum Prozentsatz angeblich gestörter und behandlungsbedürftiger Kinder, „der in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen sein soll", sieht Hörmann weniger den Ausdruck einer tatsächlichen Entwicklung, sondern allenfalls den Beleg dafür, „daß vom geschulten und ausgereiften Blick des Experten beliebig viele Störungen auszumachen sind".
Seit dem ersten Weltkongreß für Psychiatrie 1950 heißt fachoffiziell „kindliche Verhaltensstörung", was früher einmal Frechdachserei oder Flegelei genannt wurde. Doch mit Moralpädagogik läßt sich der moderne Mensch nicht mehr beeindrucken, da müssjn schon, wissenschaftlich" klingende Begn&efier. So schmieden Psychiater und Psychologen die Verbindung von „Lern ", „Teilleistungs oder „Verhaltensstörung" zu solch beeindruckenden Begriffen wie „Hyperkinetisches Syndrom" oder „Minimale Cerebrale Dysfunktion" (MCD; letztere mitunter auch als „Psychoorganisches Syndrom" - POS - in Umlauf). Der Frankfurter Kinderarzt und Fachautor Hans von Lupke hat einmal aufgezählt, was in der wissenschaftlichen Literatur so alles zum „Hyperkinetischen Syndrom" gerechnet wird. Das Spektrum reicht von „verbaler Hyperaktivität" über „geringe Konzentrationsfähigkeit" bis zu „psychischer Labilität" - umfaßt mithin nahezu jedes kindliche Verhalten, das nicht in die Vorstellungen der Erwachsenen vom wohlgeratenen Nachwuchs paßt. Nachdem man als Ursache hierfür die zunächst vermuteten „minimalen Hirnschädigungen" bei der Mehrzahl der betroffenen Kinder nicht feststellen konnte, gaben die Fachleute das Konzept nicht etwa auf, sondern verdünnten es kurzerhand. Aus der minimalen Hirnschädigung wurde die „minimale Störung der Hirnfunktionen", die MCD. Von Lüpke: „Man nahm eine Schädigung an, die sich nur in der Funktion, nicht im organischen Substrat manifestiert. Damit wurden die Begriffe so verwässert, daß sie kaum noch faßbar waren "
Freilich konnten bisher weder auf neurologischer noch auf neuropsychologischer Ebene Phänomene nachgewiesen werden, die mit den postulierten minimal veränderten Hirnfunktionen einhergehen sollten. Ende der achtziger Jahre wurde das MCD Konzept von Günter Esser und Martin Schmidt (Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit) als „Leerformel" etikettiert: „Die dem Syndrom zugeschriebene Psychopathologie konnte nicht nachgewiesen werden " Obwohl es die Minimale Cerebrale Dysfunktion also gar nicht gibt, tut das der Einsatzfreüde, mit der Arzte und Psychologen sie bei Kindern diagnostizieren, keinen Abbruch. Wie nicht selten in den Verhaltenswissenschaften behütet ein komplizierter Fachbegriff ein unbrauchbares Konstrukt vor seinem Untergang.
Reinhard Voß, Privatdozent für Pädagogik an der Universität Dortmund, hat beobachtet, daß die Diskussion über Lern- und Verhaltensstörungen „mit einem völlig unklaren, uneinheitlichen und verwirrenden Gebrauch von Begriffen" geführt wird. Man schaue, wie Voß erklärt, „exzessiv auf kindliche Verhaltensstörungen. Sie ursächlich Verhaltensstörungen von Eltern und Lehrern zuzuschreiben hieße, Eckpfeiler unseres Gesellschaftssystems, wie Familie und Schule, zu hinterfragen Daher, so Voß, „wird in der Regel das Kind, das schwächste Glied unserer Gesellschaft, als verhaltensgestört definiert, anstatt die gestörten Verhältnisse, in denen das Kind lebt, zu hinterfragen".
Die Arbeit an der Veränderung „gestörter Verhältnisse" der Gesellschaft ist leider eine brotlose Kunst. Hingegen wuchs der Arbeitsmarkt für psychosoziale Berufe in Deutschland, wie Doris Bühler Niederberger vom Pädagogischen Institut der Universität Zürich festgestellt hat, in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch schneller als der Arbeitsmarkt in der boomenden EDV Branche. Der prosperierende Psychomarkt schafft es, sich selbst mit ausreichend Arbeit zu versorgen, indem unablässig neue „Störungen", „Syndrome", „Behinderungen" oder „psychische Erkrankungen" in immer mehr Lebensbereichen entdeckt werden, die man dann wegtherapieren kann.
Das hilft auch den Kinderärzten, ihr Beschäftigungsproblem zu lindern. Immer weniger Kindern stehen immer mehr Kinderärzte gegenüber: Zwischen 1980 und 1992 stieg in den alten Bundesländern die Zahl der berufstätigen Kinderärzte von 5109 auf 6922 um rund 35 Prozent; die Zahl der Kinder unter achtzehn Jahren sank jedoch im gleichen Zeitraum von über vierzehn auf unter zwölf Millionen. Zudem schrumpfen dank der Reihenimpfungen in den vergangenen Jahrzehnten die klassischen Arbeitsfelder der Kinderärzte, die Behandlung von Kinder- und schweren Infektionskrankheiten. Höchst willkommen ist daher die „soziale Kinderheilkunde" oder „Sozialpädiatrie", die sich bevorzugt mit „Teilleistungs ", „Aufmerksamkeits und „Verhaltensstörungen" befaßt. Auf ihrem diesjährigen Internationalen Osterkongreß stellten die führenden deutschen Kinderärzte fest, daß bei fast fünfzehn Prozent der achtjährigen Kinder „Leistungsstörungen" diagnostiziert würden, denen man mit medizinischer Hilfe vorbeugen müsse. Die Definition von Verhaltensoder Leistungsstörungen ist dabei ebenso trivial wie verhängnisvoll. Trivial, weil sich fast jedes menschliche Verhalten auf einem Kontinuum bewegt, bei dem man jeden beliebigen Prozentsatz in den Extrembereichen als „gestört" bezeichnen kann. Verhängnisvoll, weil aus der natürlichen Streuung menschlichen Verhaltens „Störungen", „Krankheiten" oder „Behinderungen" definiert und die Betroffenen aus dem Kreis der „Normalen" abgesondert werden.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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