Musiktheater: Jörg Herchets „Nachtwache" in Leipzig Und bin allein, wie ein Mensch nur allein sein kann
Auf dem Vorhang erscheinen die Gesteinsbrocken, Eisklumpen oder Meteoriten, die von irgendwo nach irgendwo hinunterfallen, noch wie in ihrem Sturz aufgehalten, zweidimensional. Später auf der Bühne, zum Ende des Stücks, senken sie sich wie wirklich auf die Akteure herab, einer legt sich sogar einem Protagonisten auf die Brust. Der Urknall, der unser Universum zeugte, hat zugleich einen Mythos erschaffen - die Theodizee, die Frage nach dem Warum des Bösen, nach dem Woher der Schuld, die einen Menschen offenbar erdrückt; und nach der Rolle, die ein Gott dabei spielt, spielen kann, spielen will.
Hiob hatte sie aufbegehrend gestellt und sich in Gottesknecht Demut gefugt. Aber schon Leibniz, der (fast) alles Wissende, hatte das Böse als von Gott „zugelassen", als für die Harmonie des Universums notwendige Bedingung des Guten erkannt: muß die beste von allen Welten es enthalten". Heute dürfen wir mit Hans Küng „in aller Freiheit" und „mit Grundvertrauen" glauben, daß wir zwar „im Vollendergott" eine „erste und letzte Geborgenheit und bleibende Heimat" haben, gleichviel „für eine bessere Zukunft in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit" arbeiten und „zugleich illusionslos wissen, daß diese vom Menschen immer nur angestrebt, aber nie voll realisiert werden kann". Aber wer kann noch so viel Glauben aufbringen?
1943 schon, im Stockholmer Exil, hatte Nelly Sachs, erschüttert vom „Märtyrertod" eines nahen Freundes, „Eli" geschrieben, ein mehr oder weniger expressionistisches „Mysterienspiel vom Leiden Israels". Am Brunnen einer polnischen Kleinstadt treffen „nach dem Martyrium" Überlebende der jüdischen Gemeinde zusammen und reden sich rückblickend die Schreckenserinnerungen von der Seele, die alle um ein zentrales Ereignis kreisen: Als der Hirtenjunge Eli seinen Eltern, die „abgeholt" wurden, nachrannte, wurde er von einem Soldaten erschlagen. Der wollte ein Signal setzen für einen nicht mehr möglichen Glauben: „Kein Vertrauen mehr in das Gute auf Erden "
Die geheimnisvollen Beziehungen „zwischen Henker und Opfer" indes blieben für Nelly Sachs ein „ruheloses Thema". Mitte der fünfziger Jahre entstanden mehrere „Versuche, die dicken Häute des Diesseits zu durchbrechen und hinauszulugen" - etwa die „Nachtwache": Zwei Füsilierte, aber „nicht zu Ende Erschossene" werden noch einmal wach; den einen ziehts zu Anila, seiner Geliebten aber ihren Namen herausschreiend „stürzt er ab"; der andere flieht weiter, sucht ein Zuhause im Kuhstall der Magd Rosalie aber ständig verfolgt ihn das Schuldbewußtsein, seinen Kameraden verlassen zu haben. Er endet auf den Spitzen eines Zaun Tores, das der kollaborierende Schmied so hoch und so scharf gearbeitet hat, daß selbst „die Schwalben sich aufspießen, falls sie glaubten, schon im Himmel zu wohnen".
Dreißig Jahre später, noch ahnt niemand etwas von einer „Wende", notiert in Dresden ein Komponist in psychomoderner Orthographie über die „Nachtwache": „ohne mein zutun hat das stück tief auf mich gewirkt, hat sich in meinem innersten in eine art urgeschehen aufgelöst " Sein auf der Grundlage des fast ungekürzten Textes entstandenes Werk bezeichnet er 1987 als „Komposition für das Musiktheater" und setzt im Juni unter die Partitur die nicht erst seit Bach berühmte Bekenntnisformel „Soli Deo gloria".
Um diese Zeit ist dieser 1943 in Dresden geborene Jörg Herchet in der noch existierenden DDR längst kein Unbekannter mehr: Bereits 1969 fand die (Ost )Berliner Musikhochschule, dem einerseits am sozialistischen Realismus so gar nicht interessierten, dafür seine Werke so „formalistisch" mit „Komposition für betitelnden, andererseits tief religiösen Studenten sei ein Staatsexamen zu verweigern. In der splendiden Isolation von Eingeweihten Zirkeln in Chemnitz und Dresden, aber auch in Donaueschingen und Darmstadt, in Sinzig und beim Essener Orgel Avantgardisten Gerd Zacher war dann seine Musik zu hören, die offenbarte, daß weniger Karl Marx als vielmehr Arnold Schönberg und Anton Webern die Leitfiguren von Jörg Herchet waren.
Was immer in diesem 1987 Annahme und baldige Aufführung der „Nachtwache" verhinderte, ist heute hinter dem Nachwende Schweigen der Eingeweihten verborgen. Indiskretionen und beiläufige Äußerungen gestatten zwar noch keine Schuldzuweisung. Aber Sätze wie „Auf! Auf! Fliehen! - Der Schuß im Rücken!" oder „Ich sehe im Osten schon den Anfang von unserem Ende"; das Bild von der immer höher konstruierten ZackenTür, die jede Flucht unmöglich macht; mehr freilich die konsequente ästhetische Nicht Anpassung in einer Variante der strengen Zwölftontechnik, hier überlagert mit einer spätbarocken Zahlenkombinations Mystik: Da mußte jemand nicht unbedingt ein Hundertfünfzigprozentiger sein, um Muffensausen zu bekommen.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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