DIE ZWEI KULTUREN Von der Schöpfung lernen

Wir Deutsche neigen dazu, den Mund mit Globalforderungen voll zu nehmen. So gehört es offenbar zu den wichtigsten Zielen der deutschen Politik, wenn nicht sogar zum Daseinsauftrag des deutschen Menschen, „die Schöpfung zu bewahren". Da dies ein unzweifelhaft edles Bestreben ist, fällt es fast schwer, es kritisch zu betrachten.

Daß ausgerechnet wir zu Rettern der Schöpfung berufen sein sollten, könnte anderen Völkern durchaus als anmaßend erscheinen. Deutsche als Generalbevollmächtigte des Schöpfers und die Natur eine Art Treuhandveranstaltung? Erschreckt da nicht ein maßloser Anspruch, der zum Kommentar im Schwejkschen Stile reizt: „Schön möcht sie ausschaun, die Schöpfung, wanns auf unsereins angewiesen war"?

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Niemand wird bezweifeln, daß unser Umgang mit der Natur besserungsbedürftig ist. Was aber ist dann gegen das schöne Auftragsbild der Schöpfungsbewahrung einzuwenden? Ein solch überzogener Anspruch ist nicht nur ungeeignet, unser Alltagshandeln zu leiten, sondern er suggeriert auch Illusionäres als wüßten wir wirklich, was „die Schöpfung" ist und was es bedeuten kann, sie „zu bewahren". Der teutonische Atlas, der die Schöpfung zu schultern versucht, ist ein eigentümlich verkehrter Halbgott, der tragen möchte, worauf er doch steht.

Wie sollen wir bewahren, was wir durch unsere bloße Existenz, unser Leben- und Mehrenwollen, unaufhörlich verändern? Wäre es nicht gut, uns etwas weniger yorzunehmen? Und sollten wir statt dessen nicht versuchen, besser zu verstehen, was in dieser Schöpfung vorgeht, um von ihr zu lernen? Das könnte mit der Einsicht beginnen, daß die Schöpfung kein wohldefinierter, statischer Naturzustand ist, den allenfalls menschliche Rücksichtslosigkeit bedroht, sondern ein laufender Entwicklungsprozeß von Milliarden Jahren, der unter anderem auch uns hervorbrachte (und dadurch weder zu einem Höhepunkt noch zu einem Ende gelangte). Die lebendig sich entfaltende Natur vermochte nur dadurch über Äonen fortzubestehen, weil nichts in ihr stillstand und sie eben nichts bewahrte außer ihrem Vermögen, sich ständig durch Veränderung weiterzuentwickeln. Also kann die Floskel „die Schöpfung bewahren" doch keineswegs bedeuten, sie in einem vorgegebenen und uns gerade eben bewußt gewordenen Zustande festzuhalten und gleichsam in einen Dornröschenschlaf zu versenken.

So notwendig es ist, der lebendigen Natur ausreichend Chance und Raum zu lassen, damit sie sich ungefährdet von uns weiter entfalten kann, so wichtig muß es auch sein, daß wir als lebendiger Teil dieser Schöpfung unsere kreatürlichen Gaben als das „Tier mit Kultur" nutzen. Wenn wir von der Schöpfung lernen, dann verstoßen auch unsere Fähigkeiten, die natürlichen Lebensgrundlagen zu unseren Gunsten umzugestalten, nicht gegen einen Imperativ zur „Schöpfungsbewahrung".

So wie unsere Vorfahren kein vernünftig begründbares Verbot davon abhielt, durch gezielte Auswahl und Zucht aus dürftigen Wildkräutern ertragreiche Nahrungspflanzen und aus der feldverwüstenden Wildsau das nützliche Schwein zu züchten, sowenig kann uns ein Generalauftrag zur Schöpfungsbewahrung verbieten, unsere fortgeschrittenen Kenntnisse und Fertigkeiten in gleichem Dienst zu üben. Daß dabei, etwas entstehen kann, was es so bisher nicht gab, sollte uns davon nicht abhalten sonst müßten wir auch aufhören, neue Menschen oder neue schöpferische Ideen in die Welt zu setzen. Daß dies die Welt weiter verändert, bedeutet keineswegs, daß wir uns dadurch an der Schöpfung versündigen. Ganz im Gegenteil - genau dies macht ja ihr Wesen aus. Es ist jetzt auch nicht der frevlerisch heraufbeschworene achte Tag der Schöpfung, an dem wir dem Herrn ins Handwerk pfuschen. Denn dieser Tag ist schon vor Hunderttausenden von Jahren angebrochen, als unsere Spezies entstand und ihren Platz zu behaupten begann. Der Schöpfer hat die Natur nicht nach Plan gemacht - wie könnte ihn, wer an ihn glaubt, für so einfallslos halten? „Die Schöpfung bewahren" kann daher nicht bedeuten, ihre Gegenwart festzuhalten, da dies die Zukunft in ihrer Vergangenheit suchen hieße. Es kann nur heißen, in ihr selbst schöpferisch - aber nicht selbstzerstörerisch - fortzuleben. Wohin uns dies führen wird, ist nicht vorbestimmt. Aber wir können und müssen es selbst mitbestimmen.

 
  • Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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