Die Studentenvertreter an den Universitäten in Jena und Leipzig arbeiten sachbezogen, pragmatisch und solide "Wir wollten doch alle die Banane"

Von Wolf gang Blum

In den engen Zimmern geht es zu wie in einem Taubenschlag, ständig kommt oder geht jemand, alle reden durcheinander: bei der Amtsübergabe an den neuen Rektor will die Unileitung in Talaren auftreten. Mensch, im Rosencaf6 haben sie den Strom abgestellt. Das ist ein Hammer. Im Westen haben die die Talare schon 68 abgeschafft. Dort traut sich das keine Uni mehr. Wann ist die nächste Sitzung des Studentenrats? . Die Leitungen sind angeblich alle nicht mehr vorschriftsmäßig. Bist du sicher, daß es sowas im Westen nicht mehr gibt? . Was haltet ihr von der Idee, ein Studentenkino aufzumachen? "

Über zuwenig Arbeit beklagt sich in den Räumen der Jenenser Studentenvertretung niemand. Zu tun gibt es genug, es fehlt an Mitarbeitern. Im Studentenrat (StuRa), dem gesetzlichen Organ der Studenten, könnten 27 Leute sitzen. Er besteht aber nur aus 13 Mitgliedern, weil sich nicht in jedem Fachbereich genügend Kandidaten aufstellen ließen.

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„Unser größtes Problem sind die Trägheit und das Desinteresse der Studenten", stellt Jörg nüchtern fest. Er ließ sich von seinem Slawistikstudium beurlauben, um bis Oktober als hauptamtlicher Geschäftsführer des StuRa zu arbeiten. Die meisten hätten nur ihre Karriere im Sinn. Als typisch für die Verhältnisse in Jena schildert er eine Demonstration von Jurastudenten für ein neues Institutsgebäude: „Als die Demo an der Bibliothek vorbeikam, ist ein großer Teil in den Lesesaal abgebogen - zum Pauken "

Manche hätten auch Schwierigkeiten umzudenken, sie trauten sich nicht, im neuen System Forderungen zu stellen oder es sogar zu kritisieren. „Schließlich wollten wir doch alle die Banane", erinnert sich Medizinstudent Micha selbstkritisch. „In den neuen Bundesländern gibt es 16 Millionen Revolutionäre, und 15 9 Millionen davon ruhen sich auf ihren Verdiensten aus Aber selbst diejenigen, die zur Zeit der Wende die wirklichen Aktivisten waren, seien - zumindest in Jena - in der Versenkung verschwunden „Die beschäftigen sich nur noch mit der Bewältigung ihrer eigenen Vergangenheit", kritisiert Michael, der Jura studiert. Wie an allen Universitäten der neuen Länder bestimmt auch in Jena jede Fakultät ihre Vertreter im StuRa in einer Personenwahl. Listen, wie sie im Westen nicht ungewöhnlich sind, gibt es nicht, politische Gruppierungen sind selten. Nur Studentenrat Martin gehört auch noch der CDUOrganisation Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) an. Obwohl Ressentiments gegenüber solchen Verbänden deutlich zu spüren sind, wählte der StuRa ihn zum Referenten für Finanzen. Der Grund: „Der hat vor seinem Studium eine Banklehre gemacht "

Die Jenenser Studentenräte lehnen die strikten Abgrenzungen zwischen politischen Gruppierungen ab, die im Westen an jeder Universität üblich sind. Daß auf dem Bonner Studentengipfel Anfang Juni eine Studentin ausgebuht wurde, nur weil sie im Verdacht stand, Bundesvorsitzende des RCDS zu sein, kann Jörg nicht verstehen: „Sie hatte doch noch kein Wort gesagt Überhaupt habe ihm der Gipfel wieder einmal gezeigt, wie wenig Gemeinsamkeiten es zwischen der Studentenpolitik in den neuen Ländern und der in den alten gebe. Im Westen redeten viele nur, um sich selbst zu produzieren „Die üben schon für den Bundestag", meint Jörg „Das politische Mandat geht ihnen über alles, wir wollen dagegen möglichst unpolitisch sein "

Den Studentenräten in Jena ist es wichtig, sachbezogen zu arbeiten: Sie wollen sich bei Berufungen und Abwicklungen einmischen, die studentische Wohnsituation verbessern, Theatervorführungen organisieren - und bei der Amtseinführung des neuen Rektors, zu der einige Professoren ihre Talare aus der Mottenkiste holen wollen, ein Wörtchen mitreden. Universitätsleitung und StuRa einigten sich auf einen Kompromiß: Auf der Feier darf ein Vertreter der Studenten eine zehnminütige Rede halten. Einen Dekan, der sich sorgte, daß die Kritik an den Talaren allzu hart ausfallen könnte, beruhigte Michael, der die Rede halten soll: „Erstens ist nicht 68, und zweitens bin ich nicht Rudi Dutschke "

Wie in Jena so nicht viel anders in Leipzig: Im Studentenrat von Leipzig sitzen zwar noch einige Leute, die schon während der Wende Politik an der Hochschule betrieben haben. Doch auch hier steht der „Generationenwechsel" unmittelbar bevor. Vor drei Jahren habe es „einen Hauch von 68" gegeben, erinnert sich Gerhard, Student der Kunstgeschichte. Damals habe man das Gefühl gehabt, man könne etwas bewegen. Viele Kommilitonen hätten in dieser Zeit sogar die Schriften von Rudi Dutschke gelesen. Mit der endgültigen Übernahme der westlichen Strukturen sei das Interesse für Hochschulpolitik jedoch stark geschrumpft. Und was läßt sich heute über die Beteiligung sagen? Gerhard zögert etwas: „Sagen wir mal, es sah schon schlechter aus "

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