Archaische Welt im Bilderbuch Zu fressen, was der Magen hält

Unter dem Namen „Nimmersatt" kannten Kinder und Bilderbuchliebhaber bisher eine gefräßige Raupe, die sich durch immer größer werdende Früchtemengen fraß und schließlich ein wunderschöner Schmetterling wurde. Knapp 25 Jahre nach dem Erscheinen des Klassikers von Eric Carle taucht nun ein mysteriöser Namensvetter auf, der „Sterngrauch Nimmersatt". Doch mehr als den Namen hat dieses graue, bedrohliche Wesen mit der fröhlichen kleinen Raupe nicht gemein.

Kurt Baumann erzählt die Geschichte vom unersättlichen Sterngrauch Nimmersatt, der nach einem opulenten Mahl in Garten, Feld und Hof des benachbarten Müllers um dessen schöne Tochter wirbt „Er sagte: Lieber Müller, schau, seit Jahren fehlt mir eine Frau, die mir wohl das ersetzen könnte, was meine Mutter mir nicht gönnte, Nestwärme und ein bißchen Liebe, weshalb ich jetzt dem Drang erliege, zu fressen, was der Magen hält "

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Spätestens, als Freud so aufdringlich hervorschielt aus den alten Topoi vom Fressen und Gefressenwerden und von der schönen Tochter, die vom Vater nicht freigegeben wird, ahnt man das böse Ende voraus: Der verschmähte Sterngrauch frißt den starrsinnigen Müller und auch die arme Marie, er kommt ins Gefängnis, „lacht sich dort den Bauch voll", verschlingt die Gefängnisgitter samt den Wärtern und verschwindet für immer. Was sich in den simplen, volkstumhaften Versen als Burleske liest, erhält durch die unheimlichen Illustrationen des aus Litauen stammenden Stasys Eidrigevicius eine viel tiefere Dimension. Seine Bilder scheinen einer archaischen Welt zu entspringen, deren dämonische Qualität durch eine ganz eigene Technik verstärkt wird. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, handelt es sich beim „Sterngrauch" um ein Photobilderbuch: Vor einem gemalten Hintergrund steht ein Kind, dessen Körper von einer schwarzen Kutte verdeckt ist. Sichtbar werden nur seine Hände, die verschiedene Masken vor das Gesicht halten. Mit Kreide, Pappe und Schneidewerkzeug schuf der Künstler Gesichter, die den Sterngrauch eher als Stein- denn als Sternwesen erscheinen lassen: Starr und grau sind seine Züge, böse und hungrig die Augen mit den kleinen, stechenden Pupillen.

Durch die massiven Masken, die mit den lebendigen, verletzlichen Händen kontrastieren, durch den flächigen Hintergrund und die schwarze Kutte, die den magischen Charakter des Buches betont, hat Eidrigeviöius Bilder geschaffen, in denen Surrealismus und die Symbolkraft alter Traumbücher sich kreuzen: Auf einem der Bilder versuchen die Liebenden sich zu fassen - vergeblich, denn der dazwischenstehende Kopf des Müllers ist groß wie ein Gebirge.

Der „Sterngrauch" ist eine Schule für die Augen und zugleich Anregung zur Kreativität. Ansonsten wünscht man sich dieses Buch lieber als künstlerisches Kleinod in die Hände von Buchliebhabern denn als Bettlektüre für Kinder. In seiner subtilen Dämonie bietet der Sterngrauch den Stoff, aus dem Alpträume sind. Susanne Koppe Nord Süd Verlag 1993; o P, 22 80 DM

 
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