Die Verhandlungen an Südafrikas Rundem Tisch gehen weiter - doch Ungeduld und Terrorakte nehmen zu Zum Kompromiß verdammt
Von Bartholomäus Grill
Die burische Revolution hat begonnen - glaubt jedenfalls Constand Viljoen. Der Exgeneral, der die Kampfverbände der rechtsextremen Afrikaner Volksfront in der Schlacht ums neue Südafrika anführt, möchte die Okkupation des World Trade Center in Johannesburg am 25. Juni 1993 mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 vergleichen. Den Beobachtern drängte sieh vorigen Freitag eine andere Jahreszahl auf: 1933. So ähnlich seien die Nazihorden vorgegangen, hieß es unisono.
Die Bilder dieses denkwürdigen Tages: Ein Panzerfahrzeug bricht durch die gläserne Stirnseite des Konferenzzentrums. Männer mit Braunhemden marschieren auf, Trommeln wirbeln, der johlende Mob fällt ein. Entfesselte Buren in Kampfuniformen und Haßkappen stürmen den Saal, in dem 26 Organisationen seit dem 1. April die Zukunft Südafrikas aushandeln. Die Angreifer ohrfeigen Delegierte, beschmieren Wände, zerfetzen Dokumente, urinieren in die Ecken. Schwarze Delegierte werden als Kaffern oder Huren beschimpft. Die Polizei schaut zu.
Dennoch führen historische Kurzschlüsse in die Irre. Die südafrikanischen Neofaschisten sind weder Vorkämpfer einer Revolution, noch folgt ihnen die Masse ihres „Stammes". Viele weiße Afrikaner schämen sich. Die Allianz der Ultrarechten droht, sich ihren reinrassigen „Volksstaat" notfalls herbeizuschießen. Sie wollen eine „Apartheid im neuen Gewände", sagt Dawie de Villiers von der regierenden Nationalen Partei. Deshalb haben sie die Mehrparteienkonferenz überfallen, auf der die Weichen in die PostApartheid Ära gestellt werden.
Der eigentliche Skandal liegt im Versagen der Sicherheitskräfte. Obwohl der Aufmarsch der Rechten bekannt war, trafen Polizei und Armee bloß dilettantische Vorkehrungen. Beamte, die sich jahrelang im Zusammenschlagen von Demonstranten geübt hatten, geleiteten die Hooligans in das vermeintlich bestbewachte Gebäude Südafrikas. Weil es der Staatsgewalt nicht nur am Können, sondern ganz offensichtlich auch am guten Willen mangelte, stellen Oppositionspolitiker die Frage, ob die Regierung die Sicherheitskräfte überhaupt noch unter Kontrolle hat. Wie wären sie wohl vorgegangen, wenn Schwarze diesen massenhaften Landfriedensbruch begangen hätten? „Es hätte ein Blutbad gegeben", meint ANC Präsident Nelson Mandela.
Derweil verhöhnen die Rechtsextremen die Staatsmacht „Sperrt uns nur ein, wenn ihr euch traut", erklärten Sprecher von Eugene Terreblanches Afrikaner Weerstandsbeweging. Doch so laut die Extremisten auch schreien, ihre Sache ist verloren. Mit ihrer Attacke haben sie nur bewirkt, daß der Runde Tisch enger zusammenrückt. Einzige Ausnahme: die Konservative Partei und die Afrikaner Volksunie. Deren Emissäre handelten von Anfang an nach einer Doppelstrategie: Innerhalb der Verhandlungen jeden Fortschritt blockieren, außerhalb ihre Meute gegen das „Gremium der Verräter" aufhetzen.
Diese Woche will die Mehrheit der 26 Parteien und Organisationen ein Datum für die ersten freien und gleichen Wahlen in Südafrika empfehlen. Außerdem sollen die Prinzipien der neuen Verfassung und die Struktur einer Übergangsexekutive festgeschrieben werden.
Das hört sich einfach an. Doch den Delegierten fällt es immer schwerer, ihr KonferenzcMnesisch in die Alltagssprache zu übersetzen. Im Volk macht sich Verhandlungsmüdigkeit breit. Schwarze und Weiße schimpfen auf die ewige Filibusterei der Politiker und wollen endlich Ergebnisse sehen. Die Ungeduld ihrer Anhängerschaft bekommen auch Cyril Ramaphosa und Roelf Meyer zu spüren. Deshalb drücken die beiden maßgeblichen Emissäre des ANC und der Nationalen Partei aufs Tempo. Jede weitere Verzögerung würde die Zukunftsängste im hochexplosiven Vielvölkerstaat Südafrika unnötig verstärken. Drei Jahre Palaver, drei Jahre Gewaltexzesse, drei Jahre wirtschaftliche Talfahrt - jetzt muß endlich etwas geschehen.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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