Sven Papcke untersucht Leben und Denken deutscher Soziologen im Exil 1933 bis 1945 Zum Pragmatismus bekehrt

Von Ulrich Schreiterer

Die akademische Soziologie ist stumm geworden, eine Veranstaltung für Eingeweihte und Nimmermüde. Vorbei sind die Zeiten, da sich Politik und Öffentlichkeit dieser neuen Königin der Wissenschaften respektvollgläubig anvertrauen und von ihr den Weg in eine rational kalkulierbare, aufgeklärte, konfliktarme, gerechte, kurzum: bessere Zukunft weisen lassen wollten. Daß Soziologen den Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftssysteme nicht vorhergesagt haben und sich schwertun, griffige Rezepte für den Umgang mit neuen Risiken wie Nationalismen und Massenmigration zu liefern, scheint sie endgültig aus dem Kreis berufener Sinnproduzenten ausgeschlossen zu haben. Auf die Krise der Geltungsansprüche antwortete die akademische Zunft mit wissenschaftlichem Normalbetrieb „Große" politische Fragen sind out. Empirische Untersuchungen sowie „Begleitforschungen" zu politischen Programmen und zum sozialen (Werte )Wandel halten den Betrieb auf Touren. In der allgemeinen Soziologie stand und steht das Studium der Klassiker des Fachs wieder gleichberechtigt neben theoretischen Werkeleien, deren Tendenz zur thematischen und sprachlichen Selbstabschließung nicht zu übersehen ist. Vor diesem Hintergrund einer in sich selber versponnenen, Gegenwartsdiagnosen möglichst entratenden Fachwissenschaft wird es reizvoll und spannend zu beobachten, wie Soziologen die unerwarteten und folgenreichen politischen Zäsuren des Jahres 1933 wissenschaftlich verarbeitet haben. Zwar ist es Sven Papcke in seinem neuen Werk vordringlich darum zu tun, „Esprit und Relevanz der deutschen Soziologie in der Fremde" über verschiedene theoretische und politische Strömungen hinweg zu dokumentieren, „an vergessene Alternativen zum jeweiligenZeitgeist zu erinnern" und die „Aktualität ihrer Problemstellungen" zu demonstrieren.

Doch Pfiff und Aktualität gewinnt sein Buch weniger durch die einzelnen darin vorgestellten Theoreme als durch den dazu quer liegenden, sie auf einen Bezugspunkt hin prüfenden Blick: So unvereinbar die politischen Ausgangspunkte der zehn behandelten Autoren, so verschieden ihre Lebens- und Werkgeschichten sowie ihre theoretischen Optionen auch immer gewesen sein mögen - hier werden eben nicht nur viele jeweils für sich eindrucksvolle und zum Nachdenken anregende rungen intellektuell zu begegnen. Die im Exil entstandenen, „erfahrungsgesättigten" sozialwissenschaftlichen Arbeitsprogramme fügen sich vielmehr an manchen, durchaus nicht randständigen Punkten zu erstaunlichen Parallelen und Gleichklängen. Dieser leider nicht immer konsequent herausgearbeitete Blickwinkel macht Papckes intellektuell politische Portraits auch für einen breiteren Interessentenkreis lesenswert.

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Entgegen dem aktuellen Zeitgeist hält der Autor mit Karl Mannheim daran fest, daß sich Soziologie als eine „Gegenwartswissenschaft" zu verstehen habe, „die zur Orientierung einer Epoche über sich selbst aufgerufen ist". In zehn zunächst als Radioessays gesendeten, in sich jeweils abgeschlossenen Betrachtungen zeichnet er nach, wie sich aus Deutschland verjagte akademische Soziologen und soziologisch inspirierte Publizisten nach 1933 diesem Anspruch gestellt haben. Die unterschiedlich dicht gearbeiteten, mitunter sehr einfühlsam geschriebenen Beiträge gruppieren sich um jeweils ein signifikantes, teilweise erst postum veröffentlichtes Werk. Knappe biographische Skizzen geben diesen Werken eine persönliche Geschichte. Neben nur Insidern geläufigen Namen werden auch breiter rezipierte Werke vorgestellt (zum Beispiel von Adolph Löwe, Franz Neumann, Karl Polanyi).

Was die hier versammelten Exilsoziologen verbindet, ist nicht die Arbeit an einem gemeinsamen Theoriengebäude, nicht die Mitgliedschaft in einer Partei, keine soziale Utopie und kein von allen geteiltes politisches Konversionserlebnis. Es ist die Erfahrung enttäuschter Erwartungen, fehlgeschlagener Prognosen, einer nicht für möglich gehaltenen politischen Barbarei und individueller Aussonderung als Juden undoder Vertreter unerwünschter politischer Richtungen, die ihren Werken eine gemeinsame Grundierung verleiht: Der „Verlust aller Theoriegewißheit", bei den vormals Linken unter ihnen noch verstärkt durch die bittere Enttäuschung über den Sowjetkommunismus, ließ sie großen Weltentwürfen abschwören und sich zu einer „skeptischen Anthropologie" bekennen. Zu verstehen, warum das, was sich 1933 und danach in Deutschland ereignete, passieren konnte, warum die demokratischen Kräfte und Institutionen versagt hatten, stand am Beginn ihrer Fragen und theoretischen Neuorientierungen. Bereits die Titel ihrer Abhandlungen lassen erkennen, worum dieses soziologische Denken im Exil kreiste: „Das Ende der Illusionen" (Leopold Schwarzschild 1934), „The Tragedy of European Labour 1918 1933" (Adolf Sturmthal 1943), „The End of. Economic Man" (Peter Drucker 1939) oder „Die Menschenrechte in einem neuen Deutschland" (Willy Strzelewicz 1944). Der eingeforderte neue politische Realismus sollte zuerst mit dem trügerischen Ökonomismus aufräumen, habe doch das Vertrauen in die Kraft ökonomischer Faktoren und Gesetze leichtfertig darüber hinwegsehen lassen, wie stark das (politische) Verhalten von Menschen durch die einer eigenen Logik folgenden Mentalitäten und Symbole bestimmt werde.

Darüber hinaus sollte sich dieser Realismus an der Bewahrung individueller Freiheitsräume und rechte als oberstem normativem Bezugspunkt orientieren. Durch eigene Erfahrung und Zeitzeugenschaft zum Pragmatismus bekehrt, erblickten viele der von Papcke vorgestellten Autoren die größte Herausforderung der Soziologie darin, mögliche Bedingungen eines rationalen, ja auch eines „gerechten" Ausgleichs unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen und individueller Bedürfnisse aufzuzeigen.

Suchten einige von ihnen geeignete Antworten darauf in einer stärker naturrechtlichen Begründung von Freiheitsrechten, setzten andere ihre Hoffnungen auf eine vernünftige Selbstbeschränkung der Individuen durch „Vergesellung" und Konventionalität. Und hochaktuell klingt es, wie scharf Karl Polanyi mit der Vorstellung ins Gericht ging - das völlig freie Spiel der Marktkräfte reiche aus, um wirtschaftliche Wohlfahrt und individuelles Freiheitsstreben miteinander zu versöhnen. Nur am Rande sei hier vermerkt, daß die meisten Exilsoziologen schon in den dreißiger Jahren vor der Illusion warnten, Nazideutschland durch Konzessionen „zähmen" zu können: Die skeptischen Realisten waren in dieser Hinsicht rasch zu Bellizisten geworden.

Warum es diesen von Temperament und Grundanliegen so unterschiedlichen Autoren möglich wurde, „innovative Sozialdeutungen" (Papcke) zu erarbeiten, hat paradoxerweise ein zwar exilierter, aber nicht emigrierter Soziologe thematisiert, an den der Autor erinnert. Ernst Grünfeld, Jahrgang 1883, wurde bereits 1933 aus seinem seit 1929 innegehabten Ordinariat für Genossenschaftswesen an der Universität Halle entlassen. Die Kraft zur Emigration, deren Lebensform er theoretisch zu erfassen versuchte, nicht mehr aufbringend, nahm er sich 1938 das Leben. In seiner 1939 in Amsterdam publizierten Schrift „Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie" analysierte er sowohl die Mechanismen sozialer Aussonderung als auch Bedingungen und Formen des (Über )Lebens im Exil. Erst die Erfahrung sozialer Randständigkeit, so seine These, schärfe den Blick für subkutane alltägliche Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung - damit aber auch für Normen, Konventionen und Institutionen, die für eine „zivile" Gesellschaft als unabdingbar gelten müssen.

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