Hundert Jahre organisiertes Verehrertum auf die englische Art: Die Bronte-Gesellschaft feierte mit einem ungewöhnlichen Wettbewerb Zwei Hunde für Emily
Von Elsemarie Maletzke
Die Dichterin Emily Bronte hatte zwei Hunde: das lohfarbene Ungeheuer Keepdogge, und Grasper, auf den ersten Blick ein nichtswürdiger grauer Struppi, der in England jedoch zur Gattung Lurcher gehört und zur Jagd eingesetzt werden kann. Beide schweiften mit ihr über das Moor, das sich gleich hinter dem Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire erstreckt. Auf dem Moor fühlte sich Emily Bronte frei und inspiriert. An guten Tagen wogen die Hügel in glänzendem Grün und stumpfem Braun bis zum Horizont. Vorwiegend aber herrscht schlechtes Wetter. Kein Lichtmast, kein Mountainbiker und kein wahnsinnig gewordener Rasenmäher beschädigten vor 150 Jahren diesen Gang. Keepers polierter Messingkragen liegt heute im Pfarrhaus Museum unter Glas, und dort hängen auch die Portraits der beiden Hunde, „nach dem Leben" gemalt von ihrer Herrin. Wir kommen darauf zurück.
Die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Bronte („Jane Eyre", „Sturmhöhe", „Die Herrin von Wildfell Hall") verfügen, wie es sich bei englischen Schriftstellern gehört, über eine eigene Gesellschaft. Das besondere an ihr ist, daß es sie überhaupt noch gibt. Seit 1893. Der erste Benz rollte, Königin Victoria regierte, und ein paar entschlossene Verehrer begannen, Charlottes Manuskripte, Annes abgeschnittene Locken und Emilys Teetasse sicherzustellen.
„Warum haben wir überlebt?" fragt Lord Asa Briggs, Präsident der Bronte Society, und schaut vom Kirchenpult von St. Michael and all Angels in 300 mild interessierte Gesichter.
Warum wir und nicht die anderen englischen literarischen Gesellschaften? Die ShelleySociety, die Browning Society oder die Byron Society? Sie schlössen bereits im 19. Jahrhundert ihre schwindsüchtigen Mitgliederlisten und wurden erst im 20 erneut gegründet. Der Bronte Society aber schenkte der Herr ein langes Leben. Hundert Jahre. Weil sie nämlich, so Lord Briggs, auf einzigartige und erfolgreiche Weise ihre akademischen Aktivitäten, die Leben und Werk der Brontes zum Gegenstand haben, mit den „anderen" verbindet, die rein gar nichts zur Erforschung beitragen, aber den meisten Mitgliedern" bedeutend mehr Spaß machen. Lord Briggs ist Historiker; er reist nach seiner Grußadresse bald wieder ab. Die Mitglieder bleiben, um in Haworth ihr Centenary zu feiern. Jetzt wirds gemütlich.
Am Freitag gibt die Gilbert and Sullivan Society aus Burnsley einen viktorianischen musikalischen Abend in der Methodist Church Hall; die Damen vom Oxenhope Womens Institute tischen dazu auf: Schinken, Roastbeef, Krautsalat, Kümmelkuchen, Fruchtgelee und Tee aus Fünf LiterKannen. Am Samstag aber findet die Preisverleihung der großen „Grasper and Keeper Lookalike Competition" statt.
Hunde aus ganz Großbritannien und überall, wo sich der Ruhm der Brontes verbreitet hat, waren dazu aufgerufen, sich an Masse und Struppigkeit mit Emilys Hunden zu messen. Die Schriftstellerin Charlotte Cory („The Unforgiven"), selbst Hundefreundin und Mitglied im Vorstand der Society, hatte sich diesen bezaubernden Wettbewerb ausgedacht, „der Emily bestimmt Spaß gemacht hätte". Als einzige Preisrichterin hatte sie allen Gewinnern „eine spezielle Medaille für ihr Halsband und ein besonders feines Freßchen " versprochen „Ein Photoalbum aller Grasper- und Keeper Aspiranten wird zusammengestellt und in die Annalen der Society eingehen. Photos der Preisträger werden in Haworth während der Centenary Feiern präsentiert Außerdem plante C. Cory einen großen Grasper und Keeper Hundespaziergang über das Moor.
Doch wie so mancher lustige Plan trug auch dieser nur saure Früchte. Zwar gab es an die hundert Bewerber (eine Mitgliedschaft von Herrchen Frauchen und Hund bei der Bronte Society war nicht zwingend), deren Bilder und Personalien C. Cory in ein Album eintrug, jedoch konnte sich die Preisrichterin bis in die Nacht vor der Kür nicht für einen Kandidaten, geschweige denn für die folgenden Plätze entscheiden, Kurz entschlossen packte sie am Morgen den Hund Snap, Gefährte der elfjährigen, freudig überraschten Amanda Bold aus Haworth, und präsentierte ihn der Society als Grasper Gewinner - eine angemessene Wahl; Snap ist ein astreiner Lurcher „Keeper wohnt leider in Darlington", verkündete sie, aber sein Lichtbild überzeugte die wenigen, die sich die Mühe machten, ins Album zu schauen, von seiner Preiswürdigkeit. Die Medaille, nun ja, würde an einem anderen Tag verliehen. Und von dem großen Hunde Ausflug aufs Moor hätten ihr HundeExperten dringend abgeraten. Wandelndes Inferno. Trotzdem schade.
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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