Über Kurt Eisslers monumentale Leonardo- Studie Leonardo: „Allegorie der Lust und der Pein" Im Herzen des Genies

Von Bernd Nitzschke

Als Freud 1910 über Leonardo da Vinci, den „allerunvergleichlichsten" Mann, wie Hugo von Hofmannsthal den Renaissancekünstler nannte, einen psychoanalytischen Versuch wagte, bemerkte er, es sei nicht seine Absicht, das Bild des „allseitigen Genies" zu entweihen. Trotzig fügte Freud mit Rücksicht auf den damals gepflegten Geniekult jedoch hinzu, es sei auch niemand „so groß, daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen, die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen". Am Beispiel Leonardos beschrieb Freud eine mögliche Auswirkung des Bindungs Trennungs Konflikts, der aus einer unaufgelösten Bindung an die Mutter beziehungsweise durch das Fehlen eines diese Bindung modifizierenden Vaters entstehen kann. Jener Typus „ideeller Homosexualität", den Leonardo verkörpere, lasse sich durch die lebenslängliche Treue des Sohnes zur Mutter erklären. Deren Bild bleibe im unbewußten Phantasieleben erhalten. Als androgyne Gottheit, die beide Geschlechter repräsentiert, beherrscht sie das Gefühlsleben ihres Kindes. Der Preis solcher Treue ist Einsamkeit, denn die allmächtige Imago der Mutter duldet keinen anderen „Gott" - und schon gar kein anderes Liebesobjekt - neben sich. Der „psychoanalytische Roman", als den Freud seine Abhandlung über Leonardo charakterisierte, wäre demnach auch als die abstrakte Fassung des Familienromans zu lesen, in den der Neurotiker verstrickt bleibt. Um in diesem Bild weiterzusprechen: Der Gefangene entpuppt sich nicht, entschlüpft nie dem Kokon seiner Kindheit; und auch wenn er meint, sich durch Gedankenarbeit zu, befreien, so spinnt er doch nur jene Fäden weiter, die ihn schon seit jeher umgarnten.

Also wären die „Flugmaschinen", die Leonardo konstruierte, auch symbolisch zu verstehen. Ihren hintergründigen Zweck mußten sie allerdings verfehlen, denn der Flug ins Herz eines anderen Menschen war damit ebenso unmöglich wie mit Hilfe heutigen Fluggeräts. Bleibt zu fragen, ob wenigstens der Flug ins Herz des Genies, den Freud mit Hilfe psychoanalytischer Deutungstechnik unternahm, erfolgreich war. Jenen Kritikern Freuds zu widersprechen, die diese Frage verneinten, war der ursprüngliche Vorsatz Kurt Eisslers, als er vor über dreißig Jahren „Psychoanalytische Notizen zu einem Rätsel", so der Untertitel seiner LeonardoFreud Studie, publizierte.

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Jetzt endlich liegt eine deutsche Übersetzung dieses Monumentalwerkes vor, die kunsthistorisch wie psychoanalytisch interessierten Lesern gleichermaßen zu empfehlen ist- Kapitel für Kapitel gewinnt Eisslers Werk Profil, bis der Leser endlich in der Rückschau feststellt, mit Eissler weit über Freud hinausgelangt zu sein. Dabei ist Eissler vor allem darum bemüht, die unermüdliche Schaffenskraft Leonardos zu verstehen - und zwar als Ausdruck eines ebenso notwendigen wie unabschließbar erscheinenden Rettungsversuchs.

Das Genie, das Trauma und der Versuch der Bewältigung des Traumas, dargestellt am Beispiel Leonardo da Vincis: So, oder so ähnlich, könnte der Titel der Studie Eisslers auch lauten. Aufgrund der lückenhaften QueEenlage bleibt die Rekonstruktion des Traumas im Falle des Leonardo allerdings auf Spekulationen angewiesen. Mag also sein, daß Freud recht hatte, als er die Beziehung des Sohnes zu einer emotional überwältigenden Mutter in den Mittelpunkt seiner Überlegungen rückte; oder daß Eissler der Wahrheit näher kommt, wenn er den Akzent der traumatischen Erfahrung mehr auf die Trennung des Sohnes von der Mutter legt. Wie auch immer: Das „Rätsel", um das es geht, ist nicht in erster Linie die Art des Traumas. Viel wichtiger ist die Frage, wie es dem traumatisch Geschädigten gelang, nicht der Selbst- oder Fremddestruktion zu verfallen; dem Schicksal zu entrinnen, das so oft frühere Opfer zu späteren Tätern verdammt. Das „Rätsel" besteht also in der Umwandlung der möglichen Destniktivität in tatsächliche Kreativität.

Leonardo gelingt es, das Chaos der Empfindungen, das er erlebt, in immer neue Ordnungen, Schöpfungen zu überführen. Also muß er sich gegen den traumatischen Schrecken nicht durch Selbstabtötung immunisieren. Und so wird er nicht zur destruktiven Kampfmaschine - kann er vielmehr empfindsamer Mensch bleiben. Damit entkommt er einem „Universum aus Angst und Schrecken", in dem er lebt - in dem wir alle leben. Und immer wieder malt Leonardo androgyne Gestalten, Bildnisse, in denen der ewige und unaufhebbare Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Fremden sanft geglättet erscheint; in denen das eigene mit dem anderen Geschlecht verschmilzt. Doch in diesen Gestalten und hinter dieser Gestaltung sind deutlich implosive Kräfte zu spüren. Sie explodieren in jenen letzten Bildern, auf denen die Sintflut dargestellt wird. Jetzt erst, am Ende seines Lebens, erreicht der vom Künstler lebenslänglich „genial" gestaltete Konflikt eine kosmische Dimension: „Ausbrüche von zerstörerischen Naturkräften, die allem menschlichen Leben und allem, was Menschen geschaffen haben, ein Ende machen "

In diesen Sintflut Bildern verschmilzt das Selbst nicht mehr mit dem anderen; vielmehr wird es jetzt mit dem Kosmos gleichgesetzt. Damit wird der Untergang der subjektiven Welt, der Welt als Vorstellung, zum kosmischen Ereignis, zur apokalyptischen Katastrophe. Hinter der subjektiv vertrauten Welt taucht eine fremde, zerstörerische Welt, die Welt als Wille, als entfesselte Naturkraft auf. Leonardo zeichnet sie, ganz ähnlich wie später van Gogh, als reine, alle „Dinge" umfassende, auflösende, verschlingende Bewegung.

Die Sintflut Zeichnungen Leonardos erinnern als Gleichnisse deshalb auch an jene Imaginationen, die der wahnkranke Senatspräsident Schreber in seinen Anfang des 20. Jahrhunderts publizierten „Denkwürdigkeiten" als Wort Bilder darzustellen versuchte. Freud hat auch diese Wort Bilder analysiert, und zwar in einer Arbeit, die 1911, also nur ein Jahr nach der Leonardo Studie, erschien. Dabei verstand er den Wahn - anders als die zeitgenössischen Psychiater, die nur Un Sinn erkennen konnten - als kreative Leistung, als sinn vollen Rettungs- und Selbstheilungsversuch.

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