Frankreich: Die neue Franc-Krise setzt Premier Edouard Balladur weiter unter DruckAuf gefährlichem Schlingerkurs

von Ludwig Siegele

Von Ludwig Siegele

Dem Spruch konnte in Frankreich bis Ende vergangener Woche kaum jemand entkommen: „Laßt uns in die Zukunft investieren.“ Ob im Fernsehen, im Rundfunk, in Zeitungen oder in Banken – überall drängte er sich auf. Der Slogan warb weder für einen Bausparvertrag noch für eine Lebensversicherung. Er pries die neue Staatsanleihe an, mit denen sich Premierminister Edouard Balladur in den vergangenen Wochen umgerechnet über dreißig Milliarden Mark besorgte – ein Rekord.

Mit der Anleihe, spitz „Ballabonds“ genannt, wollte sich der Gaullist freilich nicht nur frisches Geld beschaffen. Er versuchte auch, was in der Bundesrepublik wohl kein Politiker wagen würde: mit Schuldenmachen Vertrauen zu schaffen. Und Vertrauen hat Balladur nach hundert Tagen im Amt denn auch bitter nötig: Zwar ist er so populär wie kein anderer Regierungschef vor ihm. Aber die Wirtschaftskrise trübt wie selten die Stimmung im Lande.

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Die Umfragen lassen Experten staunen: Sicher, bei fast sechzig Prozent aller Franzosen ist Balladur äußerst beliebt. Doch genauso viele blicken besorgt in die Zukunft – kein Wunder, bei inzwischen weit über drei Millionen Arbeitslosen und der Rekordzahl von fast achttausend Pleiten im Monat. Die jüngsten Prognosen des staatlichen Statistikinstituts Insee lassen wenig Hoffnung: Die Wirtschaft soll in diesem Jahr um mehr als ein Prozent schrumpfen.

Noch ist unklar, ob sich Balladurs Beliebtheit den Besorgniswerten angleicht oder umgekehrt. Die Devisenmärkte sind jedenfalls nicht sehr optimistisch. Nachdem das Insee in der vergangenen Woche seine Konjunkturdaten veröffentlicht hatte, geriet der Franc wieder unter Druck – sehr zum Leidwesen des Wirtschaftsministers Edmond Alphandéry, der das gallische Geld schon als Europas Leitwährung gesehen hatte.

Weil sogar wieder Gerüchte aufkamen, Frankreich werde demnächst das Europäische Währungssystem verlassen, mußte Balladur mehrfach in die Öffentlichkeit gehen: „Ich bin der Stabilität des Francs unwiderruflich verpflichtet. Weder heute noch morgen wird es eine andere Politik geben,“ sagte er etwa der rechten Tageszeitung Le Figaro, um die Spekulationswelle an den Devisenmärkten zu glätten.

Aber Balladur kann nicht auf Dauer die einzige Hoffnung der verängstigten Franzosen bleiben. Die paradoxe Situation zwang den 63jährigen Balladur bereits zu einem gefährlichen Schlingerkurs: Widersprüche, gebrochene Wahlversprechen, Wankelmut – seit seiner Ernennung Ende März erlaubte er sich Kapriolen, die gerade der größte Perfektionist und Planer der französischen Politik nicht erwarten ließ.

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