Von Tillmann Bendikowski

Die Wissenschaft lebt davon, daß ihre Resultate mitgeteilt und ausgetauscht werden. Soviel Öffentlichkeit war in der DDR nicht erlaubt. Sie behielt wissenschaftliche Erkenntnisse lieber für sich. Wenn sich beispielsweise ein Agrarwissenschaftler der „industriemäßigen Frischeierproduktion“ widmet. Oder ein Ingenieur die „Minderung von Motor- und Kraftfahrzeuggeräuschen“ untersucht. Wenn es um Käsequalität oder Rübenanbau, um Straßenbahnkupplungen oder „Ausschlachtungsergebnisse verschiedener Mastschweine“ geht. Themen wie diese brachten Dissertationen in der ehemaligen DDR den Vermerk „Nur für den Dienstgebrauch“ ein, sie blieben geheim.

Die Politologen Wilhelm Bleek und Lothar Mertens von der Ruhr-Universität Bochum, die derzeit an einer Zusammenstellung und Bewertung solcher Dissertationen arbeiten, decken ein geradezu neurotisches Geheimhaltungsbedürfnis der ehedem sozialistischen Forschung auf. Insgesamt, so ihre erste Bilanz, wurde jede fünfte Doktorarbeit in der ehemaligen DDR als geheim eingestuft. Dabei sind die Kriterien für die einzelnen Stufen der Geheimhaltung (bis hin zur „Geheimen Verschlußsache“) oft schwer nachvollziehbar. Erstaunlicherweise bilden nicht Dissertationen zu technisch sensiblen Gebieten wie der Elektronik oder den Biowissenschaften den Großteil der Arbeiten. Vielmehr finden sich eher ideologisch bedeutsame Abhandlungen aus den Bereichen der Politischen Ökonomie, der Journalistik und der Kriminalistik. Selten wurden Arbeiten aus den Fächern des Marxismus-Leninismus oder der Philosopie als geheim eingestuft, waren sie doch eher ideologisch und somit propagandistisch ausgerichtet. Zu den Ausnahmen gehören allerdings solche Arbeiten wie die über „Die ideologische Gerichtetheit des individuellen Moralbewußtseins sozialistischer Persönlichkeiten“ oder „Zur Entwicklung von Ehre und Würde der Persönlichkeit unter den Bedingungen der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“.

Häufig genug gab es ganz banale Gründe für die Geheimhaltung: Vor allem kleinere Hochschulen wollten sich wohl profilieren und den großen Forschungszentren im Lande zeigen, wie wichtig und also geheim auch bei ihnen gearbeitet wurde. So entstand an der Ingenieurhochschule Berlin-Wartenburg 1983 die Arbeit über „Drahtlose Meß- und Steuersignalübertragung bei fahrbaren Landmaschinen“.

Sehr oft findet sich das Motiv der Geheimhaltung bei der Person des Verfassers oder des Doktorvaters. War einer von ihnen Funktionär oder Spion, wie im Falle des aus der Bundesrepublik geflohenen Heinz Felfe, wurde das Licht der Öffentlichkeit gescheut. Eher barmherzige Motive vermuten die Bochumer Forscher aufgrund von Hinweisen ostdeutscher Kollegen bei den Arbeiten, die man wegen ihrer fachlich ungenügenden Qualität besser nicht offenlegen wollte.

Unter den Verfassern der geheimen Dissertationen fanden die Bochumer Forscher zahlreiche interessante Namen wie den von. Alexander Schalck-Golodkowski, des obersten Devisenbeschaffers der DDR. Seinem späteren Aktionsfeld entsprechend promovierte er mit einem Kollegen im Jahr 1980 über das Thema „Zur Vermeidung ökonomischer Verluste und zur Erwirtschaftung zusätzlicher Devisen im Bereich kommerzielle Koordinierung’ des Ministeriums für Außenwirtschaft der DDR“.

Aus eigener Erfahrung konnte ein anderer Prominenter schreiben: Über „Die Abwehrarbeit der Ämter für Verfassungsschutz in der BRD“ promovierte 1988 der drei Jahre zuvor in die DDR übergelaufene Hans Joachim Tiedge. Seit 1966 hatte er dem Bundesamt für Verfassungsschutz angehört und konnte so aus seiner langjährigen Berufspraxis – zuletzt als Referatsgruppenleiter für die Beobachtung der DDR-Nachrichtendienste – vermutlich einige interessante Details berichten.