Von Joachim Fritz-Vannahme

Früher stand der Feind im Osten, heute lauert er im Orient. Dieses Früher ist zwar erst ein paar Jahre her, dafür erinnert das Heute ziemlich ungeniert ans Vorgestern, als die Türken vor den Toren Wiens standen oder – so will es die Legende – Karl Martell bei Tours und Poitiers das christliche Abendland vor muslimischen Barbaren schützte. Wenigstens in dem einen wissen sich Linke wie Rechte, abgeklärte „Experten“ und aufgeklärte Strategen bei uns einig: Aus dem Orient drohe Gefahr, „der“ Islam wird zum Feind des Westens.

Am allzu schlichten Bild und Schreckbild einer Weltreligion, die in Wirklichkeit ein Plural ist, haben hierzulande zwei Journalisten früh und entscheidend mitgewirkt: Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann. Die Bildschirme und Buchhandelsvitrinen beherrschen sie seit Jahren. Erst der Golfkrieg lenkte den kritischen Blick deutscher Orientalisten auf die beiden Meinungsmacher, die in Frankreich oder Großbritannien wohl kaum diesen Einfluß gewonnen hätten, den ihnen eine verschlafene und auch etwas hochmütige Wissenschaft bei uns unangefochten beließ.

Vor Jahr und Tag wies der Hamburger Orientwissenschaftler Gernot Rotter in seiner Streitschrift Allahs Plagiator dem langjährigen ARD-Nahostkorrespondenten Gerhard Konzelmann, mittlerweile Musik-Fernsehchef und Opernkomponist in Stuttgart, eine einzigartige Mischung aus Plagiat, Stuß und Erfindung nach.

Ein Dutzend meist jüngerer Islamwissenschaftler nimmt sich (im selben Verlag Palmyra) jetzt des „verzerrten Araber- und Islambildes“ des Peter Scholl-Latour an: Das Schwert des „Experten“, herausgegeben von den beiden Hamburger Wissenschaftlerinnen Verena Klemm und Karin Hörner, hält sich allerdings nicht nur bei den Nachweisen auf, aus welchen klaren oder trüben Quellen ein Scholl-Latour sein Wissen schöpfte. Hier geht es nicht so sehr um publizistische Raubzüge; es geht um zivilisatorische Kreuzzüge.

„Wir sind der Ansicht“, schreiben die Herausgeberinnen im Vorwort ihrer Aufsatzsammlung, „daß Peter Scholl-Latour stellvertretend für viele steht, deren Äußerungen über den Islam als Konglomerat negativer Haltungen und Vorurteile zu entlarven sind, welche Angst, Mißverständnis, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus schüren.“ Es handelt sich also nicht bloß wie bei Konzelmann um geistigen Diebstahl, sondern um geistige Volksverhetzung. Der Vorwurf ist hart, und der Beweis weit schwieriger zu führen als beim gerichtsnotorischen Plagiator Konzelmann.

Die Autoren wählen dafür zunächst einen überraschenden Weg, nicht über die Textkritik, sondern über die Satire. Das Zitat klingt wie Scholl-Latour, doch ist die Szene nicht Algier oder Kairo, sondern Paderborn: „Dumpf und monoton dröhnten die Kirchenglocken der christlichen Gemeinde im Gotteshaus zu Paderborn. Die westfälische Stadt ist eine religiöse Hochburg.... Die unverkennbare und nicht zu unterschätzende Solidarität zwischen der okzidentalen katholischen Kirche und der regierenden christlichen Partei beweist die Verstrickung von abendländischer Religion und Herrschaft. ... Unüberhörbar riefen die Glocken zum Kirchgang auf. Bedrohlich, obskur, ja fast apokalyptisch wirkte das Orgelspiel im Inneren; eine bucklige Gestalt hämmerte fanatisch auf das Instrument ein...“ Gut getroffen!

Aber genügt die Persiflage schon als Beweis? Reicht der Hinweis auf Scholl-Latours beschränkte Arabischkenntnisse, im übrigen vom kritisierten Weltreisenden und Volksschriftsteller in einem seiner Bücher selbst eingestanden, aus, um seine Urteilsfähigkeit grundsätzlich anzuzweifeln? Stichhaltiger wirken in dieser Kritik schon die Zitate aus Scholl-Latours Büchern. „Sechzig Jahre Kommunismus – tausend Jahre Islam“ als Kapitelüberschrift in Allah ist mit den Standhaften oder auch „Der neue Tatarensturm“ in Das Schwert des Islam ziehen tatsächlich auf deutliche Weise Parallelen zwischen der Bedrohung von gestern und der angeblichen von heute. Und von romanhafter Harmlosigkeit ist, wie Karin Hörner nachweist, jener Kunstgriff in Allah ist mit den Standhaften gewiß nicht, mit dem Scholl-Latour seinen Spannungsbogen auf den fernen Philippinen beginnen und mit den Türken in Berlin enden läßt „und dem Leser den Eindruck vermittelt, daß die Standhaften ihm immer näher rücken“ (Hörner).

Karin Hörner geht auch der Lust des Autors am historischen Vergleich nach: Verglichen werde allerdings nicht, um zu erklären. Zeit und Ort seien bei Scholl-Latour unwichtig, alles wäre schon einmal dagewesen, die Türken seien eben immer noch Osmanen. Koketterie lautet da noch der geringste Vorwurf: Zyklisch und irgendwie ewig wirkt Scholl-Latours Begriff von Geschichte. Und im immer gleichen Lauf der Welt komme es, so belegt Hörner am Text, zum „Kampf zwischen sauberer, verweichlichter Zivilisation und schmutziger, aggressiver Wildnis“. Genau darin, so wirft Hörner dem Journalisten vor, schlage bei ihm Rassismus durch.

Der Stichwort ist gefallen. Der Erziehungswissenschaftler Georg Auernheimer faßt im vorliegenden Band diese Diagnose des Rassismus präziser als Kulturalismus: Kulturen sind bei Scholl-Latour monolithisch, Konflikte reichen allemal in die Nacht der Frühgeschichte zurück. Geschichte, Wandel wird zum ewiggleichen Mythos. Nur so könnten „der Islam“ und „der Westen“ zu unversöhnlichen und unveränderlichen Größen in Geschichte und Gegenwart stilisiert werden. Doch damit, so Auernheimer, sitze Scholl-Latour „dem Phantom einer ‚reinen‘ Lehre genauso auf wie die religiösen Eiferer“. Mit anderen Worten: Peter Scholl-Latour wird zum Ajatollah des Anti-Islamismus.

Was macht nun den Erfolg dieses vielgereisten, darum nicht unbedingt weltklugen Autors aus? Eine Art Angstlust beim Zuschauer und Leser, der mit Schaudern auf etwas Fremdes blickt, das ihm ein „Experte“ nahebringt, der nie um eine Gesetzmäßigkeit verlegen ist und dem es an „Mut zur Halbbildung und zur Halbwahrheit“ (Petra Kappert) gewiß nicht mangelt. Dieser Reporter sieht nur, was er längst weiß. Und wo er über anderes stolpert, erklärt er es flugs zum „Durchgangsstadium“. Die Hamburger Turkulogin Petra Kappert ertappt ihn auf einer Reise in den Kaukasus, wie er dort nirgendwo die gesuchten Eiferer für einen islamischen Gottesstaat entdecken kann. „Statt dessen trifft er auf Verfechter eines rigorosen, regional kleinteiligen Nationalismus, in dem sich Turkvölker, christliche und muslimische Kaukasus-Nationalitäten sowie Iraner vehement voneinander abzugrenzen wünschen.“ Macht nichts, interessiert doch diesen Journalisten, von Berufe wegen eigentlich auf den Tag, den jour verpflichtet, immer nur die Ewigkeit, notfalls wie im Kaukasus „unter Hinzufügung eines fast beleidigten ‚noch ist es so‘“ (Petra Kappert).

Angesichts solch fürchterlicher Verfehlungen mag man Scholl-Latours Schlamperei mit Jahreszahlen oder Namen – einmal läßt er Tamerlan, gestorben 1405, dem anderthalb Jahrhunderte später vernichteten Kalifat von Bagdad den Todesstoß versetzen – als läßliche Sünde hinnehmen. Wichtiger ist die Frage: Was macht seine Bücher so erfolgreich, warum ist das Publikum bei uns so naiv, weshalb werden in anderen Ländern so viel klügere, kundigere Arbeiten über die islamische Welt ein Erfolg? Warum gilt hierzulande als Analyse, was sich – Ewigkeit verpflichtet – um dieselbe gerade drückt? „Die Festung Europa erhält ihr psychologisches Fundament“, beschreibt Georg Auernheimer die gesellschaftliche Rolle des Bestsellerautors. Auf den Zinnen dieser Festung wacht warnend Peter Scholl-Latour, und hinter ihren Mauern lauscht mit angstvollem Schaudern sein großes Publikum. Wer, bitte, lebt hier eigentlich hinter dem Schleier?