Neulich in Berlin: Einige Teilnehmer des eintägigen Hungerstreiks vor dem Postamt am Halleschen Tor in Kreuzberg hatten sich an Briefkästen gekettet. Am Nachmittag wurde ihr Protestfasten gegen die neuen Postleitzahlen (die aus dem legendären „SO 36“, Kreuzberg, ein schnödes „10999“ machen) noch dadurch verschärft, daß über Megaphon laufend unkoschere Kochrezepte durchgegeben wurden. Ansonsten vertrieb man sich die Zeit mit Hütchenspielen, wobei – den regierenden Hütchenspielern zur Anempfehlung – durchsichtige (!) Plastikbecher benutzt wurden.

Oder man gab Interviews. Die Presse berichtete hernach äußerst wohlwollend. Das war nicht immer so: Nach Gründung der KPD/RZ (Kreuzberger Patriotische Demokraten / Realistisches Zentrum), die bei der Kommunalwahl 1992 erstmals 2,1 Prozent (1109) der wahlberechtigten Stimmen im mercedesärmsten Bezirk der Stadt auf sich vereinigen konnte, sprach der Arbeiterkampf von einer „kruden Truppe“, und das Neue Deutschland verunglimpfte die „Partei der extremen Mitte“ (Selbsteinschätzung) gar als „Satirepartei“. Nur Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel und RTLplus bemühten sich von Anfang an um Objektivität.

Aus dem reichhaltigen Parteiprogramm der KPD/RZ seien hier drei Forderungen wahllos herausgegriffen: das Rotationsprinzip für Straßennamen, das – umstrittene – Zuzugsverbot für Schwaben und das Parken in der dritten Reihe.

Der lange Zeit für den „Mitgliederrundbrief verantwortliche Exfrankfurter Forstwirt Riza Cörtlen spricht in diesem Zusammenhang von „Unterhaltungspolitik auf hohem Niveau“. Die Spitzenkandidatin (und Gelegenheitstischlerin) Judith („Haben Sie Vertrauen“) Janke will sogar nur „Das Beste für Kreuzberg“.

Dann gibt es da noch Lenin Schmidt, den Sohn der KPD/RZ-Männerbeauftragten Sybille Schmidt (Besitzerin der Diskothek „Tanzschule“), der aber für seinen Vornamen nichts kann, und den stellvertretenden Vorsitzenden Mao Meier – einen Single, der selber einen kleinen Sohn hat sowie auf seinem Oberarm den eintätowierten Spruch: „Alles Fotzen außer Mutti“.

Der seit Gründung der Partei 1988 satzungsgemäß kaum abzuwählende Vorsitzende und T-Shirt-Bedruckereigründer H. J. Grimm („Alle sind korrupt, wir sind billiger“) spricht zwar von „Glück & Geld“ als dem zentralen KPD/RZ-Anliegen, meint dabei aber primär eine quasi „positive Transformation ethischer Parameter“.

Unterstützung findet seine „Gelegenheitsarbeiter-Truppe“ (Zitty/Prinz/Tip) – die sich nicht zu schade ist, gelegentlich sogar umsonst und draußen Ordneraufgaben auf Antifa-Rockkonzerten, in Eberswalde etwa, zu übernehmen – bei Dichtern wie Wiglaf Droste, Künstlern wie der der Endart-Gruppe und Musikkritikerinnen wie Christina Moles-Kaupp.

Die Partei hat 160 gelegentlich zahlende Mitglieder. Und seit kurzem drei neue nahezu eigenständige Ortsgruppen: im Witwenviertel Wilmersdorf, im Gelben Wedding und in der Stasi-Hochburg Prenzlauer Berg. In dem „quicklebendigen Ostbezirk“ (taz) ist Holger Lang die „geradezu erschreckend“ treibende Kraft. Seine Eltern waren Hippies, er selbst war auf der Waldorfschule: „Deswegen mußte der zwangsläufig irgendwann bei uns landen“, so erklärt Pressesprecher Bernhard Feder, im Nebenberuf Photokopierwart in der Gedächtnisbibliothek, (sich und uns) das Phänomen.

Es würde zeilenmäßig hier zu weit führen, alle bisherigen Parteiaktivitäten wie Demos („mit Paradeabnahme“), Galas (im Vereinsheim „SO 36“), hochpolitische Informationsveranstaltungen („Trinker fragen, Politiker antworten“) und Anzeigenkampagnen („Haben Sie Vertrauen“) aufzuzählen. Zudem ist darüber soeben sein erstes Video-Tape – mit dem einprägsamen Titel „27 B/6 – Lehr- und Schulungsfilm der KPD/RZ“ – erschienen. Es kann demnächst für 69 DM in der Zentrale, Admiralstraße 17, bestellt werden.

Weiteres Material über die Partei („Nur Leistung verdient Vertrauen“), die laut Berliner Zeitung „nicht zuerst von Gott und der Welt redet, um dann über die Höhe der Bordsteinkante zu feilschen“, befindet sich in Vorbereitung: „Werden Sie Mitglied!“ (Parteiabzeichen und T-Shirts gibt es bereits ab 35 DM aufwärts.) Helmut Höge