Von Christoph Dieckmann

Einmal habe ich mit Neil Young auf der Bühne gestanden. Ich sang, er besorgte die backing vocals, und all das trug sich zu in einem Karaoke-Club in der Nanking East Road zu Taipei. Einsamer nie als im August 1992, eingekeilt von lächelnden Chinesen, die unermüdlich Zuckerlieder schluchzten. Auf dem Videoschirm schmachteten Puppen in keuscher Brunst. Darunter lief der Text.

Nun singt unser lieber Gast! Siebentausend Taiwan-Hits bot die elektronische Speisekarte, dazu eine Handvoll Schmonzetten wie „Jingle Bells“, „Woman In Love“ und – die Rettung! – „Heart Of Gold“. Man bestellte und verschmolz mit der puerilen Jammerstimme des frühen Neil Young. Die Chinesen lächelten heftiger, erst vor Dank, dann vor Vergebung. Die Tür flog auf. Ein Fremder tappte herein. Schwankte, lächelte, erbrach. Künstler und Publikum bestaunten diese herbe Äußerung. Neil sang unerschüttert weiter: „I want to live / I want to give / I crossed the ocean for a heart ofgold / and I’m getting old.“

Jetzt ist er 47. Es blieb sein einziger Hit. Das übrige Werk geriet zu düster, wild und schroff – fürs Massenherz; das ändert auch kein penetranter „Unplugged“-Boom. Als unsereiner Young entdeckte, vor zwanzig Jahren, da hatte er schon einige Pluggerei geleistet, elektrisch und akustisch, mit Buffalo Springfield, als Solist, als Flügeladjutant von Crosby, Stills & Nash. Aber uns woodstöckelnden Ostgermanen drang erst „Heart Of Gold“ ans Ohr.

So war die Lage: Filmvorführer-Schule Langenau, ein Lehrlingsinternat im tiefsten Sachsen. Draußen Fuchs und Hase, drinnen fünfundvierzig Kinofritzen, acht davon weiblich. Reigen, pubertäre Katastrophen, Hackordnung, die kleinen Sadismen der Erstgeburt, und über allem thronte die Staatsmacht: der Direktor.

Da erreichte die DDR ein unerhörter Film: „Blutige Erdbeeren“ („The Strawberry Statement“) von Stuart Hagman, ein amerikanischer Streifen über die Studentenrevolte in Berkeley. Die Filmmusik kam von Neil Young, der „The Loner“ sang und „Helpless“ und „Down By The River“. Die Stones? Ein Kloppertrupp. „Street Fighting Men“? Eine Phrase. Young dagegen lehrte die Revolte, wie man seufzte und in Schönheit starb. Wir löteten am Kinoverstärker und holten die köstlichen Klänge vom Film aufs Band. Ein Song, vielfach kopiert, wurde zum Choral des Widerstands. „Wie are helpless“, schallte es nachts aus den Zimmern, „helpless, helpless!“ Heimleiter Cords stürzte herbei. Wenn etwas in der DDR funktionierte, dann waren es die pawlowschen Reflexe. An der Klinke zuckte Cords zurück. Die hatten wir unter Strom gelegt.

Zwei Zimmerkumpels meldeten sich für 25 Jahre zur Volksarmee. Neil-Young-Fans waren sie auch. Das hätte ich ihnen gern verboten, da man doch Young als einen liebte, der, wenn die Kavallerie Parade ritt, demonstrativ vom Pferd stieg und den Gaul huckepack zurück in die Wildnis trug. „Don’t spook the crazy horse!“ Da saß er einsam in seiner Prärie, der Wahl-Indianer, der König aller Horizonte, und nährte sich von Gras und stärkerem Zeug. Schon hieß es, Neil werde bald zur Großen Band versammelt – wie Jimi, Janis, Al und Jim. Aber er kriegte die Kurve.