Von Iris Radisch

Man stelle sich vor: Irritiert durch des Kanzlers letzte Stippvisite bei Ernst Jünger, aufgeschreckt durch die Ankündigung des Verlages Matthes & Seitz, den ungekürzten Bocksgesang des Kollegen Botho Strauß im Herbst in der Zeitschrift Pfahl Seite an Seite mit Texten des NS-Pädagogen Alfred Baeumler zu publizieren, verärgert durch Enzensbergers jüngste Polemik gegen die universale Geltung des Menschenrechts, schreiten deutsche Schriftsteller zur Tat. Wie? Sie gründen einen Verein, ein „Komitee“, sie verfassen einen Appell, um die Leser, die deutsche Öffentlichkeit, vor der neuen deutschen Rechten zu warnen. „Wir sind besorgt“, könnte in diesem Appell stehen. „Wir sind besorgt über die Wiederkehr antidemokratischer Strömungen im geistigen Leben. Wir sind beunruhigt ... über die gegenwärtige Strategie der Legitimierung der extremen Rechten.“ Wir warnen, könnten sie schreiben, „vor dieser Strategie, die von den gegenwärtigen Debatten über das Ende der Ideologien, über die vermeintliche Überwindung jeder politischen Spaltung zwischen links und rechts und von der Mode-These, die den Antirassismus für überholt hält, profitiert“.

So könnten sie warnen. So könnten sie appellieren. Könnten sie. Werden sie aber nicht. Denn die Zeiten des großen Appells sind für die deutschen Schriftsteller offenbar vorbei, jeder ärgert sich für sich allein.

Nicht so in der Republik Frankreich. Hier haben vierzig Schriftsteller, Professoren und Philosophen lauthals protestiert. In einem „Appell an die Wachsamkeit“, publiziert in Le Monde, warnen sie vor den uferlosen Debatten über das Ende der Ideologien und vor Kollegen, die den „Antirassismus“, und damit die bedingungs- und grenzenlose Verteidigung des Menschenrechts, für entbehrlich halten. Der Aufruf wider die intellektuelle Restauration in Frankreich zielt in erster Linie gegen einen Mann, der nicht genannt wird: Alain de Benoist, Protagonist der nouvelle droite, der neuen Rechten in Frankreich. Als Herausgeber bietet Benoist Parteigängern des Front national in seinen Zeitschriften Nouvelle Ecole und Krisis ein Forum, in dem auch Autoren auftreten, die sich durch ihre Aufsätze über die „Auschwitzlüge“ ausgezeichnet haben. Als Mitarbeiter im französischen Verlag Editions Pardès verlegt er nicht nur die deutschen Autoren der Konservativen Revolution, sondern hat auch NS-Rasse-Ideologen wie Ludwig Ferdinand Clauss und H.F.K. Günther im Programm. In Deutschland verantwortet Benoist eine Reihe im Tübinger Verlag Grabert – bekannt durch die Publikation des Werks „Der Auschwitzmythos“.

Alain de Benoist ist an einer „kulturellen Erneuerung“ von rechts gelegen. „Erneuern“ will er nichts Geringeres als die auf dem christlichen Gleichheits- und Fortschrittsdenken beruhenden Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution. Was einmal für alle gelten sollte, kann nach Benoist heute nur noch für wenige gelten. Die nationalen Unterschiede zwischen den Völkern sind für ihn entscheidender als das, was sie verbindet, und sei es das „libertär-liberale“ Menschenrecht. In seinem Kampf gegen die „Uniformität“ und den „Egalitarismus“ der westlichen Zivilisation verbündet Benoist sich sowohl mit den nationalistischen Altstalinisten in Rußland als auch mit den altlinken und neurechten Kritikern der „Coca-Cola-Wodka-Kultur“, des „Ethnozentrismus“ und des „verkabelten Zeitalters“. Er wettert in der taz gegen den Golfkrieg und wirbt in der Jungen Freiheit mit dem Derridaschen Begriff der Differenz für ein neues antiliberales, nationales Weltbild.

Für Maurice Ölender, den Initiator des „Appells an die Wachsamkeit“, Sprachwissenschaftler und Hochschullehrer an der Ecole des Hautes Etudes, ist Alain de Benoist zwar „keine zentrale, aber eine symptomatische Figur. Ein Profiteur des grenzenlosen Dialogs, der unter dem Deckmantel des Pluralismus selbst Antidemokraten Redefreiheit gewährt.“ Maurice Ölender hält die neue Rechte um Alain de Benoist vor allem deshalb für gefährlich, weil sie nicht mehr rechts aussieht, nach allen Seiten Verbindungen eingeht. Die Rechte, meint Ölender, habe die These in die Welt gesetzt, daß man rechts und links nicht mehr unterscheiden könne, weil sie Nutzen daraus zieht. So habe Benoist berühmte Autoren wie Max Gallo, Régis Debray und Jean Baudrillard dazu gebracht, in seiner Zeitschrift zu publizieren; „offen für alle Debatten“ nenne Benoist das. Ölender nennt das eine perfide Technik der Legitimation rechtsextremer Positionen: „Wer sich mit Rechtsextremen auf ein Podium begibt, darf sich nicht wundern, wenn alle Diskurse gleichwertig, gleichermaßen diskutabel werden.“ Die vierzig vigilants, die vierzig Wächter, die den Appell unterzeichnet haben, wollen die Grenzen der Demokratie markieren. „Man kann über alles, aber nicht mit allen reden“, sagt Ölender. „Man hat das Recht, nein zu sagen und Rechtsextremisten aus der Debatte auszuschließen. Voilà!“

Einen konkreten Auslöser für den Appell gab es nicht, die zwielichtige Editionspolitik der nouvelle droite ist keine Neuigkeit. Der Soziologe Pierre Bourdieu, neben Jacques Derrida, Umberto Eco und Paul Virilio einer der prominenten Unterzeichner, will die Angelegenheit nicht überbewerten. „Sterben würde ich dafür nicht“, gibt er aus dem Urlaub nach Hamburg durch. Die Annäherung zwischen Benoist und den französischen Kommunisten, die in den letzten Wochen Schlagzeilen machte, als der Kommunist Jean-Paul Cruse, Journalist bei der linksliberalen Liberation, in der Zeitschrift L’idiot international für eine Allianz zwischen Kommunisten und Ultranationalisten warb, ist für Bourdieu nicht alarmierend: „Die Kommunistische Partei in Frankreich ist nicht unbedingt links. Der Nationalismus in der Kommunistischen Partei ist so alt wie die Partei selbst.“ Auch die Idee vom Ende der Rechts-Links-Blöcke findet Bourdieu wenig überraschend: „Die Rechten haben schon immer behauptet, daß es rechts und links nicht gibt.“ In Wahrheit sei die Unterscheidung klar, sobald es um konkrete Ziele gehe. Als der berühmte Soziologe unlängst ein Solidaritätskomitee für verfolgte algerische Intellektuelle gründete, fand er auf seiner Mitgliederliste keinen Rechten: Voilà!

Dennoch sieht Bourdieu Anzeichen für eine dubiose neue Gesellschaftsfähigkeit der Rechten. Der Beweis: Ernst Jünger eröffnet die Biennale in Venedig, ein „großes intellektuelles Ereignis“, mit einem „faschistischen Text“ (veröffentlicht in der ZEIT Nr. 29)! Sagen, Götter und Titanen, die absolute Kunst nur für Eingeweihte, die Bedrohung des Westens durch die Barbaren, die Litaneien vom Kult der Eliten und des Abendlandes – dieses „ganze politisch-metaphysische Gerümpel wie in den besten Tagen der 30er Jahre“! Das alles zeige doch, daß dieser alte Ästhet sich von allem erholt habe, außer von seiner Nachsicht mit den Nazis und dem Antisemitismus. „Wenn Jünger mit diesem Text die Biennale eröffnet und alle Welt findet das normal“, sagt Bourdieu, „dann bin ich doch kein Idiot, wenn ich den Appell unterschrieben habe.“

Was ist rechts, was ist links? Bloße Worte aus der Gesäßgeographie des 19. Jahrhunderts? Eine Art antifaschistischer Reflex des Zungenmuskels, wie Alain de Benoist vermutlich sagen würde? Ein unverzichtbarer Familien-Slang, wie Bernard-Henri Levy behauptet? Und kann die Demokratie durch Bücher, Essays oder Biennale-Beiträge einer alten oder neuen Rechten wirklich bedroht werden?

Alain Finkielkraut, Philosoph, Jude, Autor der „Weisheit der Liebe“ und der „Niederlage des Denkens“, Apologet der „kleinen Nationen“ und leidenschaftlicher Parteigänger der Kroaten im Jugoslawienkrieg, überschlägt sich in Paris: Der Appell seiner vierzig wachsamen Kollegen sei nicht nur völlig disproportioniert (vierzig gegen einen!) und unsympathisch, er sei gefährlich, weil politically correct: „Der Appell beweist, daß der Antirassismus wirklich diskutiert werden muß. Er denunziert einen Mann und macht dabei eine Liste mit allen Themen, über die es verboten ist nachzudenken. Er schreibt einem vor, wie man denken muß, um nicht das Spiel der extremen Rechten zu spielen. Wieso soll man kein Recht haben, das Ende der Ideologien zu proklamieren? Wieso soll man nicht sagen dürfen, daß rechts und links heute keine Bedeutung mehr haben und in keinem Fall eine Unterscheidung zwischen gut und böse, sondern allenfalls eine politische Unterscheidung bezeichnen?“ Der Kreuzzug der Idioten gegen Alain de Benoist sei nur eine Gelegenheit für nostalgische Intellektuelle, um ihre bipolare Welt zu reinstallieren, in der die Politik wieder ganz von der Moral absorbiert ist. So brauche niemand mehr über das Scheitern der Linken nachzudenken, man könne sich wieder mobilisieren, und sei es gegen einen einzigen Kryptofaschisten! Voilà!

Vom Konkurs der Intellektuellen, von den Frösten einer neuen Gedankenfreiheit, dem Ende der Ideologen-Kämpfe keine Spur. Die konservative Restauration, die vorgeblich nur klemmende Schubladen im Geiste beseitigt und dabei Menschenrechte zur Disposition stellt, gibt es nicht nur in Frankreich. Das Drama, das sich dort heute zwischen Alain de Benoist, Maurice Ölender und Alain Finkielkraut abspielt, könnte sich schon bald in Deutschland wiederholen. Manche Position mag dabei übertrieben und unbeweglich aussehen, aber niemand sage, es ginge um nichts. Der Streit macht deutlich, daß auch das unbestreitbare Recht der Intellektuellen, alte und neue Tabus zu brechen, von dem Alain Finkielkraut spricht, an Grenzen des Zumutbaren stößt. Und diese Grenzen sind erreicht.

Und sie sind – nicht nur in Frankreich – schon lange überschritten, da hat Maurice Ölender recht, wenn Intellektuelle rechtsextreme Parteien unterstützen, wenn das konservative bis faschistische Gedankengut der Zwischenkriegszeit wieder ausgepackt, wieder nachgedruckt und propagiert wird. Wenn unter dem Vorwand vorurteilsloser „Ethnizitätsdebatten“ Rassetheorien in Umlauf gebracht werden. Wenn Auschwitz und Kriegsverbrechen geleugnet werden.

C’est ça.