Von Frank Drieschner

Seit der Vertreibung rumänischer Asylbewerber aus Hoyerswerda ergießt sich, wie zur Belohnung, über die gewalttätige Jugendszene von Rostock bis Dresden ein warmer Regen: Ferien in der Türkei und Reisen durch Europa, Selbsterfahrungs- und Selbstverteidigungskurse, Krafträume und soziales Training, Jugendzentren und betreutes Wohnen. Zwanzig Millionen Mark im Jahr läßt sich die Bundesregierung ihr Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG) kosten. Sogar auf Einladungen der Skinheadszene zum „Oi“-Konzert mit anschließendem Besäufnis findet sich neuerdings ein überraschender Hinweis: „Unterstützt vom Bundesjugendministerium“.

Es sei gelungen, verkündet Bundesjugendministerin Angela Merkel (CDU) stolz, „junge, bisher gewaltgeneigte Menschen in sinnvolle Projekte einzubinden und gewalttätigen Ausschreitungen vorzubeugen“.

Frage an Gertrud Sahler, Pressesprecherin der Ministerin: Woher weiß Frau Merkel das?

Die Ministerin, so ist zu erfahren, verläßt sich, erstens, auf das Urteil einer Expertin. Doris Pleiger, AgAG-Koordinatorin für mehrere Städte in Mecklenburg-Vorpommern, erstattete im März dem Jugendausschuß des Bundestages Bericht: „Wo sozialpädagogische Projekte gebündelt angeboten werden können, geht die Zahl registrierter Gewaltdelikte zurück.“

Das klingt gut, stimmt aber nicht. Von einem Rückgang der Gewaltkriminalität in Mecklenburg-Vorpommern könne nicht die Rede sein, heißt es im Landeskriminalamt – im Gegenteil: Von Januar bis Juni 1993 sei die Zahl der Gewaltverbrechen gegenüber dem Vorjahr erheblich gestiegen, am stärksten unter Jugendlichen und besonders in einigen Städten, in denen die Bundesregierung Antigewaltprojekte finanziert.

Zweitens, sagt Angela Merkels Sprecherin, stütze sich die Ministerin auf schriftliche Erfahrungsberichte aus den einzelnen AgAG-Projekten. Experten des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik haben diese Berichte im Auftrag des Jugendministeriums ebenfalls ausgewertet. Sie sind skeptisch. Die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen scheine zu wachsen, schreiben sie – auch dort, wo die Bundesregierung ihre Antiaggressionspolitik betreibt: Die Städte, in denen Projekte gefördert werden, seien „weiterhin als Brennpunkte zu betrachten, obgleich auch andere Territorien zunehmend mit differenzierten Gewaltphänomenen konfrontiert sind“.