Zum ersten, zum zweiten, zum dritten! Hans-Peter Duerr kämpft weiter: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß muß geknackt werden. Gut, daß es Norbert Elias gegeben hat, den genialischen Soziologen, der hochbetagt und hochverehrt vor drei Jahren in Amsterdam gestorben ist. Gut auch, daß es Sigmund Freud gegeben hat und die Psychoanalyse. Von Nebenfolgen abgesehen: Was täte Professor Duerr zur Bestreitung seines wissenschaftlich-intellektuellen Haushalts, wenn es die beiden nicht gegeben hätte? Und ihre vernagelte Gefolgschaft von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg über Peter Burke bis hin zu George Devereux, lauter Leute, die Duerrs Versuch an seinem Beginn einer Kritik, einer ernsthaften Auseinandersetzung noch für würdig erachtet haben? Als Kennerin seines Frühwerks hätte ich das Thema New Age vorgeschlagen. Mit ein bißchen Haschisch können Hexen fliegen, und die britischen Getreidefelder werden von Wesen of outer space gezeichnet. Da habe ich mich geirrt. Der Hippie hat einen Autoritätskomplex, und ohne die Autorität, gegen die zu motzen und zu nörgeln ist, gäbe es ihn nicht.

Was der autoritätsfixierte Hippie Duerr nicht versteht, ist, daß große Menschen und bedeutende wissenschaftliche Leistungen sich nicht durch Unfehlbarkeit auszeichnen, sondern durch den Mut, mit dem sie ein innovatives, originelles Konzept entwickeln und zur praktischen und/oder theoretischen Strukturierung unserer Wirklichkeit einsetzen. Es bleibt durchschnittlichen, kleinen und kleinsten Geistern überlassen, sich durch stetes, fruchtloses und belangloses Reiben an der Größe eines anderen Illusionen von der eigenen, natürlich überlegenen wissenschaftlichen Potenz hinzugeben. Ein Schlag, weit unterhalb der Gürtellinie angesetzt, den ich mir hier gestatte. Was bleibt der Rezensentin aber anderes übrig (die Lage eines männlichen Kritikers wäre von vornherein hoffnungslos), wenn ihr der Autor als Apotropaion (deutsch: Abwehrzauber) ein Motto von Lichtenberg vorhält? Nämlich dies: „Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben.“ Lächerlich deplazierte also, mit dem Verdacht auf Nullwachstum dann, wenn Action angebracht wäre.

Nach „Nacktheit und Scham“ (1988), „Intimität“ (1990) nun also „Obszönität und Gewalt“. Eine frustrierende Lektüre für den gewissenhaften Rezensenten, der sich gezwungen sieht, mit sinkender Hoffnung auf Erlösung durch Sinn und Vernunft sich durch 34 Paragraphen auf 460 Seiten zu quälen und einen Anmerkungsapparat von weiteren 200 zu beackern, weil der Text unterm Strich den darüber gradlinig fortsetzt, statt ihn von Nebensachen zu entlasten, wie es üblich ist. Das meist benutzte Wort ist „cf“, „confero“, will sagen „vergleiche“, und dahinter steckt dann die argumentationslose Leere eines achtzigseitigen Literaturverzeichnisses, ein imponierender Schutzwall, hinter dem wohl manche immer noch die wahre Wissenschaft gesichert glauben. Ganz falsch! Wir erwarten von Wissenschaft schon längst die Reduktion von Weltkomplexität; denn Chaos und Widerspruch, Dunkelheit und Nebel verstehen sich schließlich von selbst, und hinter dem unbedingten Willen zur Differenzierung vermuten wir heute oft genug zu Recht eine bloß betriebsintern relevante Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Nun könnte man einwenden, daß Duerrs Ausgangshypothese doch hinreichend simpel und seine Beweisführung zwar langatmig, aber durchsichtig und von entwaffnender Schlichtheit ist. Die These lautet: Der Mensch hier und heute ist nicht besser, „zivilisierter“ als ehedem und anderswo seine mittelalterlichen Vorfahren oder die sogenannten Primitiven. Von obszönen Gesten bis hin zu Kriegsgreueln der allerschrecklichsten Art übt sich der Mensch im Bösen, so er Gelegenheit dazu hat. Von einer Trieb- und Affektmodellierung zum Guten keine Spur, jedenfalls keine deutlichere als sich in der Feudalgesellschaft oder in den Stammesgesellschaften, die der Ethnologe erforscht, auch nachweisen läßt. Was die heutige Gesellschaft der westlichen Industrienationen von allen anderen unterscheidet, ist der technisch-materielle Firlefanz mit Namen Konsumgesellschaft.

So weit kann jeder Zeitungsleser folgen, besonders, wenn er einen Hang zur Bußfertigkeit (Imperialismus, Kolonialismus, Gewalt gegen Frauen, Kinder, Fremde, Bäume, Robben und das Wittenmeer) und eine damit zusammenhängende Fieude am Wahnsinn der Welt gern zu seinem durchblickerhaften Recht kommen lassen will. Das in der Form billiger Kulturkritik zum Nulltarif nach außen projizierte Schuldgefühl (cf. Sigm. Freud Das Unbehagen in der Kultur) wird gern mit Einsicht und schonungsloser politischer Analyse verwechselt. Während es in Wirklichkeit, Duerr ist ein Beispiel, den zarten Pflänzchen Humanität und Vernunft das Wasser abgräbt, dessen sie kontinuierlich bedürfen. Am Rande sei vermerkt, daß mancher Anhänger der moralisch-politischen Korrektheit „Obszönität und Gewalt“ wegen seines expliziten sadistisch-sexuellen Wort- und Bildmaterials im Giftschrank verschließen müßte. Die Lektüre monomanisch gesammelter Greuelvignetten aus allen Ecken der Welt und Weltgeschichte macht den Leser zum Komplizen, weil ihm die Rolle des sadistischen Voyeurs zugeteilt wird. Duerrs vermeintlich aufklärende Widerlegung des zivilisatorischen Hochmuts zeitigt damit so paradoxe Folgen wie Andrea Dworkins allzu einläßliche Denunziation von Pornographie und sexueller Gewalt.

Mit Norbert Elias’ Soziologiematerial, entwickelt an der Feudalgesellschaft, der höfischen Gesellschaft und dem deutschen Sonderweg in den Nationalsozialismus (cf. Studien über die Deutschen), hat das alles nichts zu tun. Duerr scheint der Meinung zu sein, Elias habe eine Art historische Entwicklungspsychologie im Auge gehabt. Ganz im Gegenteil hielt er die Konzeption des Homo clausus für das größte Hindernis im Denkhaushalt seiner Kollegen. Für ihn ist das Individuum nicht nur geprägt durch Erziehung, Umstände und dergleichen; damit wäre, der primäre idealistische Substanzialismus nur durch einen sekundären ersetzt. Elias interessierte sich vielmehr – und mit einigem Erfolg und hohem Anregungspotential – für das Individuum als Produkt von Verflechtungen, als Bestandteil von Figurationen, deren aktuelle Erscheinung durch historisch-genetische Analysen zu untersuchen war. Zivilisiertheit ist in diesem Sinn ein an soziogenetische Bedingungen und Gegebenheiten geknüpfter Zustand, keine psychisch-moralische Eigenschaft von einzelnen oder Gruppen.

Aber wenn Duerr Elias „widerlegt“, meint er ohnehin Jos van Ussel, einen nicht weiter hervorgetretenen Autor, der 1970 uns Blumenkinder über die kapitalistische „Sexualunterdrückung“ aufgeklärt hat. Das waren Zeiten! Heute wird über Sexualität – so auch bei Duerr – nur noch wie über den Gottseibeiuns gesprochen: von Belästigung über Mißbrauch zu Vergewaltigung. Was sich nicht in paragraphierter Schwarzmalerei erschöpft, ist fragwürdig. Duerr hat den bösen Blick, der isoliert und Zusammenhänge systematisch unterschlägt. Wo er Traditionen des schlechten Benehmens ausmacht, vermißt man schmerzlich die Kenntnis von Aby Warburg und der ikonographischen Observanz der Kunstgeschichtler. So naiv, wie Duerr das meint, können Wort- und Bildüberlieferung nicht in Realität übersetzt oder für diese gehalten werden. Badestube oder Bordell ist nicht die einzige Alternative. Bilder beziehen sich auf Bilder, ehe die Wirklichkeit abgebildet wird (cf. E. Gombrich, Kunst und Illusion). Duerrs Ausflüge in den Feminismus und die Kriminalstatistik übergehe ich für diesmal mit Schweigen.

  • Hans-Peter Duerr:

Obszönität und Gewalt

Der Mythos vom Zivilisationsprozeß; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1993; 744 S., Abb., 78,– DM