Die Bäume werden in erster Linie für die Zellstoffindustrie gepflanzt, die unseren steigenden Papierverbrauch befriedigt. Auf Schiffen wird das geschnitzelte Holz in die Papierfabriken Japans, Amerikas und Europas gebracht. Ein Drittel der Welt-Zellstoffproduktion stammt bereits aus Eukalyptusholz. Die Papierindustrie schätzt das australische Gewächs, weil seine kurzen, hellen Fasern sich zu besonders flexiblem Papier verarbeiten lassen. Es ist besser für den Farbdruck geeignet als Papier aus den langfaserigen Nadelhölzern, die bisher den Markt beherrschten.

Europas Papierwälder wachsen vor allem in Portugal. Dort ließ der schwedisch-deutsche Konzern Stora-Feldmühle, größter Zellstoffproduzent Europas, ausgedehnte Industriewälder pflanzen, um damit seine Fabriken zu füttern. Die Regierung in Lissabon unterstützt die Papiermultis ohne Vorbehalt. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Alvaro Barreto ist heute der Direktor von Soporcel, dem zweitgrößten Zelluloseunternehmen Portugals. In seiner Amtszeit erließ er die „Lex Eukalyptus“, die die Forstpolitik auch heute noch bestimmt. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt wurde Portugal zu Europas größtem Produzenten von Eukalyptuszellstoff. Heute liefert es fast die Hälfte des EG-Bedarfs. Der Eukalyptus bringt Portugal 1,5 Milliarden Mark jährlich, acht Prozent seiner Ausfuhreinnahmen – fast doppelt soviel wie der traditionelle Exportschlager Kork. Industrieminister Luis Mira Amaral jubelt: „Der Eukalyptus ist unser grünes Erdöl.“

Der Vergleich paßt: Die Portugiesen liefern nur den Rohstoff, zu Papier wird er woanders verarbeitet, zum Beispiel in Deutschland. „Wir sind zur Papierkolonie Europas geworden“, sagt Armando Carvalho vom Umweltverband Quercus, „wir Portugiesen bekommen die Abwässer aus den Zellulosefabriken, und ihr Deutschen sackt die Gewinne aus der Papierproduktion ein.“ Carvalho rechnet vor, daß der Eukalyptusbaum in Portugal mehr Arbeitsplätze vernichtet als gewinnt: „Während früher die Pflege der Korkeichen, Kastanien- und Olivenbäume viele Menschen beschäftigte, braucht der Eukalyptus niemanden.“ Noch nicht einmal Holzfäller. Durch die Baumreihen fährt bei der Ernte eine Maschine mit einem eisernen Greifarm, der die dünnen Stangen packt, in wenigen Sekunden fällt, entrindet und zersägt.

Mariano Tobes ist begeistert: „In der EG ist das Holz, nach dem Öl, der zweitgrößte Posten auf der Importrechnung“, so der Chef der Forstabteilung der spanischen Umweltbehörde Icona, „in zwanzig Jahren, wenn die tropischen Wälder abgeholzt sind, haben wir eine Holzkrise, genauso wie damals die Ölkrise.“ Wer so denkt, dem wachsen Stein- oder Korkeichen viel zu langsam. Einhundert Jahre muß man auf eine ausgewachsene Eiche warten, während Eukalypten schon nach acht Jahren reif zum Schlagen sind.

Der Boom begann 1986, nachdem Portugal und Spanien der EG beitraten. Finnische, kanadische und deutsche Konzerne bepflanzten ganze Bergketten mit Eukalyptus. Damit die Maschinen rationell arbeiten können, walzen Bulldozer zunächst den einheimischen Buschwald platt und legen schmale Terrassen auf den Hängen an. Sie zerteilen die Berge in parallele Scheiben, etwa so, als ob der Schwarzwald nach dem Vorbild der Weinberge im Kaiserstuhl flurbereinigt würde. Zum Glück verträgt der Wunderbaum die harten Winterfröste in Deutschland nicht.

Die Bulldozer machen auch vor jahrhundertealten Olivenbäumen nicht halt. Weil in Europa zuviel Speiseöl produziert wird, zahlt die EG eine Prämie für jeden gefällten Olivenbaum. Egal, wo der Eukalyptus hinkommt, Brüssel hat immer eine passende Subvention für ihn: Wenn Getreidefelder aufgeforstet werden, zahlt die EG sechzig Prozent der Pflanzkosten, 4700 Mark pro Hektar, in der Hoffnung, daß so die Getreideberge reduziert werden. Und noch einmal eine Subvention gibt es für die Zellulosefabriken aus den EG-Regionalfonds. Gipfel der Ironie: Die EG verbucht ihre Subventionen, da es sich ja um „Aufforstungen“ handelt, unter Umweltschutzausgaben.

Heute ist jeder sechste Baum in Portugal ein Eukalyptus. Doch der Zelluloseindustrie reicht das noch nicht. Die Regierung will künftig die Hälfte der Äcker aufforsten. Dann würden nicht mehr 35, sondern 60 Prozent des Landes von Wäldern bedeckt sein. Nur selten stellen sich den Bulldozern Bauern entgegen wie in Tazones oder Valpacos. Denn durch die EG-Agrarpolitik mußten ohnehin schon die meisten Kleinbauern aufgeben. Für wenige Escudos oder Peseten verkaufen sie ihr Land an die Papierkonzerne. Im Hinterland von Castelo Branco kann man den Hektar schon für 440 Mark bekommen.