Wie schreibt man im Kino Geschichte um? Kevin Costner hat es vorbuchstabiert, in „Der mit dem Wolf tanzt“. Man nehme eine unterdrückte Minderheit, führe sie durch Kampf zum Sieg und erledige den Rest, sprich: den Völkermord, im Nachspann. Eine Handvoll Helden macht sich auf der Leinwand besser als Millionen Tote.

Zu sagen, Kolumbus habe Amerika entdeckt, das sei ungefähr so, wie wenn einer behauptet, „er habe ihr Auto entdeckt, obwohl sie drin sitzen“, heißt es am Anfang. Was den Indianern recht ist, ist den Schwarzen billig. Nach Hunderten von „weißen“ Western hat „New Jack City“-Regisseur Mario van Peebles deshalb die Kehrseite des Mythos beleuchtet und den ersten „schwarzen“ Western gedreht, sieht man von den race movies, dem schwarzen Kino für Schwarze der dreißiger und vierziger Jahre, einmal ab. „Posse – die Rache des Jessie Lee“ verspricht die Wahrheit über den Wilden Westen. Jeder dritte Cowboy war schwarz, eine Million schwarzer Pioniere überquerten vor hundert Jahren den Mississippi, gründeten schwarze Städte mit schwarzen Sheriffs und schwarzen Gunfightern, schwarzen Bürgermeistern, schwarzen Schulen, schwarzen Saloons. Die Stadt im Film heißt Freemanville, wie auch sonst, und wird von weißen Siedlern aus Cutter’s Town (!) bedroht. Bis Jessie Lee mit seinen glorreichen Fünf, den Posse, herbeistürmt und aufräumt, aber gründlich. Man kennt das ja.

Sie sind härter, schneller, wilder. Sie reißen die dreckigsten Witze, schießen mit goldenen Patronen, baden nackt, lieben heftiger, pokern gerissener, und wenn sie die Gegner von hinten überfallen, bricht deren Genick, daß es knackt. Sie zeigen Gefühle, sie haben sogar Angst, aber jeder Faustschlag, den sie austeilen, fällt unter dem Banner der Gerechtigkeit: lauter Robin Hoods auf afroamerikanisch, wirklichkeitsgetreu im Maßstab eins zu eins.

Was „Posse“ vom Standard-Western unterscheidet, ist diese Prise derber Realismus: Der sabbernde Alte im öden Kaff mümmelt friedlich seinen Haferbrei, eine Frau badet im Bottich auf der staubigen Dorfstraße und greift, wenn nötig, selbst zum Gewehr. Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ hatte das Genre einer gnadenlosen Vivisektion unterzogen; van Peebles ficht den Mythos als solchen nicht an. Die gehetzten Blicke der Outlaws bestimmen den Bildausschnitt: jede Kamerafahrt eine Solidaritätsadresse, jeder Schnitt ein Schuß. „Posse“ macht aus dem Kino einen Hinterhalt: ein Film für Verfolgte. Keine Zeit für Wildwestromantik – selbst die Sonne geht im Zeitraffer unter.

Das ist alles politically correct, pädagogisch wertvoll und außerdem mündlich überliefert. Der Großvater des Drehbuchautors war Jessies Vater King David Lee, der mit dem Slogan „Erziehung ist Freiheit“ eine Stadt wie Freemanville gegründet hatte und ermordet wurde. Die Besetzung sorgt für die populistische Verlängerung der Historie ins moderne Amerika, das Filme wie diesen nötig hat, solange es Rassisten gibt. Durch die Prärie reiten der Rapper Big Daddy Kane, der Hip-Hopper Tone Loc, „Soul Man“ Isaac Haynes, der Profiringer Tiny Lister, Regisseur Charles Lane und Mario van Peebles als Jessie Lee samt Regie-Vater Melvin als Veteran Papa Joe. Die Rahmenhandlung: Woody Storde, einer der wenigen schwarzen Westernhelden aus den Zeiten John Fords, klärt ein neugieriges Reporterteam über die Legende der Posse auf. Motto: „Gemeinsam sind wir stark.“

Daß es dann doch andere gab, die diese Stärke niedermachten, erfährt der Zuschauer im Abspann. Schwarze, deren Großväter Sklaven waren, durften nicht wählen, folglich blieb ihre Gunpower eine Interimserscheinung. Wie gesagt: Eine Handvoll Helden macht sich eben besser. Wenigstens ist es diesmal kein Weißer, der sie anführt. Christiane Peitz