Von Ulrich Greiner

Ein Kanon aus Kindertagen lautete: „Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.“ Schon damals war die Prämisse verwegen. Heute, da jede „Tagesschau“ ein Panorama des Entsetzlichen ist und jede Reise in eine der Metropolen dieser Welt, ob Berlin oder São Paulo, Moskau oder New York, das Fiasko der Moderne vor Augen führt, bedarf es, um froh zu sein, eines anstrengenden Kunstgriffs: der Ausblendung des Elends ringsum und der Konzentration auf das kleine Glück in den vier Wänden.

Kein gewöhnlicher Mensch kann sich zugleich für alles verantwortlich fühlen, von allem zugleich sich berühren lassen: vom Unglück der neulich ausgeraubten Nachbarin und von den Hungernden in Somalia, von den rechtsradikalen Exzessen im Nachbarort und von der bosnischen Tragödie. Angesichts der eigenen Sorgen, die jedermann, und lebe er in guten Umständen, ohnedies hat, ob Mieterhöhung oder Ehekrise, ist die Fähigkeit zur tätigen Nächstenliebe begrenzt. Wir dosieren sie nach Nähe und Ferne des Notfalls, obwohl wir wissen, daß die Ferne nicht mehr fern ist.

Diese lebensnotwendige Schizophrenie ist ein intellektuell höchst unbefriedigender Zustand. Die Gleichzeitigkeit der bedrohlichen Symptome verlangt nach einer Erklärung, und da die vertrauten Deutungsmuster versagen, da etwa das optimistische Modell der Aufklärung in Beweisnot geraten ist, gewinnen die skeptischen und pessimistischen Denker an Zulauf. Man zitiert Nietzsche und liest Frantz Fanon, entdeckt Heidegger und erinnert sich an Thukydides, und Kants Beobachtung, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt, versteht man auf einmal wieder als ewiges Wesensmerkmal.

Auf diesen Pfaden treffen wir nun auch Hans Magnus Enzensberger, den man früher für links halten konnte, der aber seit geraumer Zeit, spätestens seit seiner traurigen Komödie „Der Untergang der Titanic“ (1978), sich einübt in die Kälte des schonungslosen Blicks, der die wohlfeilen Tröstungen durchbohrt. In seinem eben erschienenen Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ versucht er, einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Krisenerscheinungen der modernen Welt herzustellen. Seine These lautet: Der „gehegte Krieg“, also der auf regulierte Weise mit Truppen geführte Krieg zwischen Nationen, sei eine vorübergegangene Zivilisationsleistung der vergangenen zwei Jahrhunderte. An seine Stelle sei der ältere Krieg aller gegen alle getreten, der gegenwärtig als Bandenkrieg und als Rassenkrieg in den Städten, als Bürgerkrieg in der Dritten Welt und als Nachbarschaftskrieg in U-Bahnen, Supermärkten und Hausgemeinschaften stattfinde.

„Geführt wird der Bürgerkrieg nicht nur von Terroristen und Geheimdiensten, Mafiosi und Skinheads, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarzen Sheriffs, sondern auch von unauffälligen Bürgern, die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln. Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, es herrsche Frieden, nur weil wir immer noch unsere Brötchen holen können, ohne von Heckenschützen abgeknallt zu werden.“

Das ist eine jener mit malmenden Zähnen geschriebenen Passagen, die die Auseinandersetzung mit Enzensberger so schwierig machen. Noch immer ist er ein Meister der Formulierung, und die Suggestion der totalen Bedrohung gelingt ihm vortrefflich. Zugleich aber verraten solche Sätze eine geheime Faszination. Die möglichst vollständige Kollektion der Krisensymptome enthält auch den katastrophalen Zauber, den der Blick auf das Böse hervorbringt.

Enzensberger verwirft die üblichen Erklärungsversuche und zieht sich zurück auf eine kursorisch ausgeführte Anthropologie, derzufolge es nicht die Ausnahme, sondern die Regel sei, „daß der Mensch vernichtet, was er haßt, und das ist gewöhnlich der Rivale auf dem eigenen Territorium. Der verabscheute Andere ist ursprünglich wohl immer der Nachbar, und erst, wenn sich größere Gemeinwesen gebildet haben, wird der Fremde jenseits der Grenzen zum Feind erklärt.“

Es scheint Enzensberger mulmig zu sein bei solchen Weisheiten des gehobenen Stammtischs, denn im Gegensatz zur stählernen Gewißheit seiner Hauptthese vom „molekularen Bürgerkrieg“ (molekular deshalb, weil bei uns die Massen in den Bürgerkrieg noch nicht involviert seien) relativiert er seine anthropologische Präambel häufig mit einem „wohl“ oder „wahrscheinlich“ oder „es scheint so“. Aber gleich die ersten Sätze des Buchs enthalten kategorisch die Behauptung, der Mensch sei der einzige unter den Primaten, der die Tötung seiner Artgenossen „in größerem Maßstab und enthusiastisch“ betreibe. Das klingt sehr nach einer verkappten Variante der alten These, von Natur aus sei der Mensch schlecht.

Überraschend aber ist, daß Enzensberger, der hier eine unveränderliche Konstante des Menschen proklamiert, an späterer Stelle eine andere, von der Aufklärung proklamierte Konstante verwirft: den Universalismus der Menschenrechte. Der Hohn, den er über den objektiven Zynismus der Menschenrechtsenthusiasten ergießt, hat einen guten Grund. Man muß sich nur an das Menschenrechtsgefasel des derzeitigen Außenministers erinnern, der mit den Interessen des deutschen Außenhandels zugleich die des Irans in Sachen Rushdie vertritt, muß nur den kostenlosen Humanismus mancher Gegner einer Asylrechtsänderung bedenken, die für die politischen Folgen einer schrankenlosen Zuwanderung niemals aufkämen, würde es denn ernst für sie, um zu sehen, daß Enzensberger hier einen Punkt macht.

Aber er verwechselt zwei Dinge. Eine Sache ist es, an der Unveräußerlichkeit und Universalität der berühmten Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit festzuhalten. Und eine andere ist es, pragmatisch nach Maßgabe des Möglichen von Fall zu Fall zu entscheiden, ob ein Engagement über die Landesgrenzen hinaus sinnvoll ist. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit ist noch nicht die Widerlegung der Idee.

Enzensberger jedoch verspottet die Menschenrechtserklärung der UN von 1948 mit dem einzigen Einwand, sie sei nicht durchsetzbar. Angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß „vier Fünftel der Weltbevölkerung unter Verhältnissen leben, die der Rhetorik der Deklaration Hohn sprechen“, nennt er die Deklaration „zynisch“ und fügt hinzu: „Auf ähnliche Weise konnten sich die Untertanen des Sowjetstaates durch die Stalinsche Verfassung von 1936 verhöhnt fühlen, die jedem alle möglichen Grundrechte zusprach.“

Auch hier wieder begeht Enzensberger eine demagogische Ungenauigkeit. Was hat der Machtzynismus eines Stalin zu tun mit der allenfalls naiven Erklärung der Menschenrechte? Deren Problem besteht doch nur darin, das Maß des Wünschenswerten ins Utopische auszudehnen. Enzensberger schreibt: „Die Idee der Menschenrechte erlegt jedermann eine Verpflichtung auf, die prinzipiell grenzenlos ist.“ Soweit einverstanden. Weiter: „Jeder soll für alle verantwortlich sein. In diesem Verlangen ist die Pflicht enthalten, Gott ähnlich zu werden; denn es setzt Allgegenwart, ja Allmacht voraus.“ Einspruch. Daß die Verpflichtung prinzipiell grenzenlos ist, bedeutet nicht, daß ich jederzeit, in jedem Fall und an jedem Ort tätig werden muß.

Pragmatismus widerspricht nicht der Menschenrechtsidee, er macht sie erst wirksam. Richtig an Enzensbergers Verdikt ist die Beobachtung, daß die offenkundige Differenz zwischen der Idee und ihrer Durchsetzbarkeit dazu verleitet, die Idee rhetorisch hochzuhalten, aber für ihre Verwirklichung nichts zu tun. Der jugoslawische Krieg ist ein Beispiel. Aber daraus folgt nicht, daß das Postulat der Menschenrechte bloßer Zynismus wäre. Sonst müßten wir folgern, Salman Rushdie trage an seinem Schicksal selber Schuld und müsse zusehen, wie er mit den Muslimen ins reine komme. Dann wäre die Meinungsfreiheit ein Gut, das nach Belieben zur Disposition stünde. Diese Schlußfolgerung wird Enzensberger nicht ziehen wollen, gehörte er doch zu denjenigen, die sich heftig für die deutsche Publikation der „Satanischen Verse“ eingesetzt haben. Sicherlich wird er ebensowenig behaupten wollen, die Menschenrechte hätten Gültigkeit nur innerhalb der deutschen Grenzen. Man muß den Begriff wörtlich nehmen oder ihn aufgeben. Wollten wir ihn aber aufgeben, dann müßten wir etwa auch auf die fundamentalen Garantien des Grundgesetzes verzichten.

An zentralen Stellen dieses Essays läßt der Scharfsinn, für den Enzensberger berühmt ist, ihn im Stich. Er macht sich lustig über die wohlmeinenden Leitartikler, die humanitäre Gemeinplätze verbreiten, und er hat recht. Im Grunde aber ist dieses Buch selber ein lang (und manchmal platt) geratener Leitartikel, kein wohlmeinender, sondern einer voll mit Sarkasmen und gescheiten Bosheiten. Die suggestiv vorgetragene These vom molekularen Bürgerkrieg, die im großen Bogen alle gegenwärtigen Bedrohlichkeiten umfaßt, vom Rassenkrieg in Los Angeles bis zum Bürgerkrieg in Afghanistan und zur Graffiti-Schmiererei in der S-Bahn, diese These ist zwar kühn, aber wenig ergiebig. Was folgt daraus? Daß der Mensch nicht gut ist. Den Durchblick zu haben, bedarf es wenig. ist, wer ihn hat, ein König?

Auf jeden, der gegenwärtig die Illusionen eines aufklärerischen Humanismus durchschaut, lauert die Falle des Entweder-Oder. Wenn die linken Tröstlichkeiten versagen, winkt jener Trost, den die abgebrühten Wahrheiten der Rechten versprechen. Dann ist der Scharfsinn zwar groß genug, um jene hergebrachten Selbsttäuschungen zu demontieren, die Ausdruck eines humanitär gepolsterten Seelenfriedens sind, aber nicht groß genug, um jene andere Selbsttäuschung zu erkennen, die in der Faszination des kalten, bösen Blicks besteht.

Daß er in diese Falle tappen könnte, scheint Enzensberger geahnt zu haben, denn am Ende des Essays biegt er in eine scharfe Kurve ein. Er singt das Loblied des unbekannten guten Menschen, der, während noch die Granaten fallen, schon die Trümmer beiseite räumt, die Verwundeten pflegt und die Fenster verglast, der, ein bescheidener Sisyphus, den Stein des Friedens immer von neuem auf den Berg stemmt.

Was soll das heißen? Froh zu sein, bedarf es wenig? Wie paßt der tröstliche Abgang (das Leben geht weiter) zur negativen Anthropologie des Beginns? Gar nicht. Wohl deshalb hat Enzensberger den Vorabdruck, den er im Sommer dem Spiegel überließ, um jenen Ausblick gekürzt. Man kann ihn in der Tat weglassen.

Das intellektuelle Dilemma besteht gegenwärtig darin, daß die Illusionslosigkeit ebenso notwendig wie riskant ist. Sie kann ein Gewinn sein, aber auch eine Droge. Der Gewinn liegt auf der Hand: Noch immer und schon wieder ziehen sich die verstreuten Reste der Linken in die Festung der unanfechtbaren Gesinnung zurück. Unanfechtbar scheint sie, weil sie das Gute will und die menschenrechtlichen Ideale gegen die Macht- und Vorteilsstrategien der herrschenden Politik verteidigt. Der Preis dafür sind Politikunfähigkeit und Wirklichkeitsverlust, siehe SPD.

Diesen Preis zu entrichten, ist Enzensberger schon lange nicht mehr gewillt. Die intelligente Destruktion illusionärer Ideologien ist und bleibt sein Verdienst. Früher jedoch hat er sie mit literarischen Mitteln betrieben: listig mit verschiedensten Formen spielend, mit Stimmenimitation und Tonfallwechsel. Hier aber spricht er mit gepreßter, schneidender Stimme. Nie war sein Vokabular so grob und polemisch. Er umspielt das Thema nicht mehr, sondern mit den berittenen Kräften seines Sarkasmus, als wäre er der Kommandant einer Vorhut in höherem Auftrag, durchstreift er das unübersichtliche Gelände und brandschatzt die intellektuellen Fluchtburgen. Der Sieg ist leicht errungen, aber das Siegen hilft ja nichts.Natürlich kann man auch aus falschen Prämissen zu richtigen Resultaten gelangen. Enzensbergers praktischer Handlungsvorschlag orientiert sich am kriegsmedizinischen Prinzip der Triage: Es werden nur diejenigen ärztlich behandelt, bei denen Aussicht auf Heilung und Weiterverwendung besteht. Die leichten und die schweren Fälle werden ihrem Schicksal überlassen. Angewendet auf den Bürgerkrieg, heißt das: Bosnien ist ein hoffnungsloser Fall, Rostock hingegen nicht. Die gute Tat, anstelle von Rhetorik, beginnt vor der Haustür. Enzensberger ersetzt also den Utopismus durch intellektuelle Realpolitik, und dafür verdient er Zustimmung. Aber aus seinen Prämissen lassen sich auch ganz andere Schlüsse ziehen. Die Ökonomie des Mitleids führt zur Marktwirtschaft der Moral: Wo die Nachfrage besonders groß ist, steigen die Preise ins Unermeßliche, und der Einsatz lohnt nicht. Dann koppelt sich die Realpolitik von jeder Moral ab, und es bleibt die pure Interessenabwägung. Für das tätige Mitleid gibt es keinen logischen Ort mehr.

So geschieht es fortwährend. Also ist es einigermaßen überflüssig, daß ein Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger dem, was sowieso der Fall ist, intellektuellen Beistand gewährt.

  • Hans Magnus Enzensberger:

Aussichten auf den Bürgerkrieg

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 104 S., 19,80 DM