KÖLN. – Das Szenario im Amtsgericht erinnerte an den leibhaftigen Karneval: Schunkelstimmung – und natürlich die Sorge, ob es wohl noch Plätze geben würde. Doch diesmal hatten sich die Fans der „Stunksitzung“, des Flaggschiffs des Kölner Szene-Karnevals, nicht nur zum Vergnügen eingefunden. Es ging um die ernste Frage: Was ist im Karneval erlaubt? Oder: Darf ein geltungssüchtiger Eiferer 30 000 Jecken den Spaß verderben? So viele Besucher verzeichnet nämlich inzwischen die satirische Antwort auf den eingefahrenen Kölner Sitzungskarneval.

Weil er beim Besuch einer der 26 „Stunksitzungen“ in der vorigen Session seine religiösen Gefühle verletzt sah, hatte der Kölner Rechtsanwalt Louis-Ferdinand Peters Anzeige erstattet. Das Vergehen: Gotteslästerung. Der Täter: Regisseur Thomas Koller, denn in einer Nummer der Sitzung war ein Kruzifix zu sehen, das anstelle der Inschrift „INRI“ ein „Tünnes“-Schild trug. Dieser Frevel der „Skinheads mit Pappnasen“, wie der stadtbekannte Devotionaliensammler Peters die Anarcho-Jecken nennt, beleidige gläubige Christen. Per Dringlichkeitsbeschluß wurde das Pappschild als Beweismittel sofort beschlagnahmt. Nur der Christus am Kreuz blieb den Jecken erhalten – fortan mit der Inschrift: „Welcher Tünnes hätt dat Schild?“

Wochenlang füllte der „Tünnes-Skandal“ die Leserbriefseiten der Kölner Zeitungen, und für die ohnehin längst ausverkauften Vorstellungen der restlichen „Stunksitzungen“ waren die Warteschlangen noch länger als zuvor. Sogar die katholische Kirche schickte einen Abgesandten in die Höhle des Lasters im Kölner E-Werk. Der meldete allerdings seinem Dienstherrn, daß er an der fraglichen Sitzungsnummer nichts Anstößiges finden könne, und ließ einen entsprechenden Vermerk auch in die Akten der Staatsanwaltschaft aufnehmen. Doch der Ankläger wollte den göttlichen Fingerzeig nicht verstehen und blieb hart, der Angeklagte legte Widerspruch ein.

Die Hauptverhandlung in der vergangenen Woche geriet zur Karnevalssitzung auf Kosten des Steuerzahlers. Schon bei der Aufnahme seiner Personalien erntete der Angeklagte Lacher. Natürlich sei der „Tünnes“, der im Jahre 1802 im Kölner Hänneschen-Theater das Licht der Welt erblickte, eine sympathische Figur, deshalb habe er seinen drei Tage alten Sohn soeben Anton genannt. Und dann holte er aus: Von einem Mißbrauch des Christussymbols könne nicht die Rede sein, dafür habe die katholische Kirche schon selbst gesorgt – mit Kreuzzügen, Zwangstaufen, Hexenverbrennungen und Indianermassakern. Die Kirche habe Christus zum Tünnes, zum Deppen gemacht. Nicht ohne Schmunzeln äußerte der Staatsanwalt Verständnis für Kollers Position, sozusagen von Katholik zu Katholik. Auch er sei mal Meßdiener gewesen. Aber Strafe müsse trotzdem sein: 60 Tagessätze à 40 Mark. Mitnichten, befand der Verteidiger.

In einem mehr als einstündigen Streifzug durch die Religionsgeschichte des Abendlandes und die Kulturgeschichte des Rheinlandes bewies er, daß die „Tünnes“-Nummer in bester Tradition stehe. In dem Buch „Karneval ohne Maske“, immerhin von Kirchenoffiziellen herausgegeben, war er fündig geworden und zitierte daraus nicht nur den Satz „Jeder kölsche Pastor ist auch ein Tünnes“, sondern auch den Titel des Kapitels „Jesus und der Clown“. Fazit: Der Tünnes sei warmherzig und bescheiden. Heimtückisch sei derjenige, der sich in eine Veranstaltung einschleiche, wo er nichts zu suchen habe. Auch Jürgen Becker, Kabarettist und Präsident der „Stunksitzung“, habe bereits festgestellt, daß der empfindsame Anwalt „wohl zu den Leuten gehört, die in einen Puff gehen und sich hinterher darüber beschweren, daß da nackte Frauen drin sind“.

Außerdem gingen im Kölner Karneval die Uhren eben anders. Sonst müßte jedes Krawattenabschneiden als Sachbeschädigung und jedes Duzen als Beleidigung bestraft werden. Das meinte auch der Richter. Das Ensemble der „Stunksitzung“ und seine Fans begossen den Freispruch des Regisseurs in einer Kneipe sofort mit Kölsch.

Bleibt nachzutragen: Louis-Ferdinand Peters, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, zog es vor, als geladener Zeuge lieber eine Ordnungsstrafe zu zahlen, als sich im Saal der Lächerlichkeit preiszugeben. Schließlich hatte ihn die „Stunksitzung“ bereits in der Session öffentlich in den „Club der Beleidigten“ aufgenommen.

Ulrike Langer